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Ein Besuch im Oodi Helsinki – der besten Bibliothek der Welt 2019

Im Dezember 2018 wurde das Oodi eröffnet, Helsinkis neue Bibliotheksniederlassung im Zentrum der Stadt. Tatsächlich handelt es sich nicht um die neue Zentralbibliothek, sondern eher um eine „Flaggschiff-Filiale“, in der die finnischen Kolleg/innen ihre gemeinsam mit den Bürger/innen erarbeitete Vision für die Bibliothek der Zukunft realisiert haben. Nun hatte ich auch persönlich die Gelegenheit, mir im Rahmen eines Kurzbesuches das Haus anzuschauen – und das zufälligerweise an genau dem Tag, an dem das Oodi von der IFLA und dem Sponsor „Systematic“ zu besten Bibliothek der Welt gekürt wurde.

Vorweg: Alles Wissenswerte hat bereits die Kollegin Beate Detlefs hervorragend in einem Fachartikel im „Forum Buch und Bibliothek“ zusammengefasst, der hier zum Einsehen bereitsteht.

Im Vergleich mit dem ebenfalls wegweisenden DOKK1 in Aarhus verfolgt das Oodi (auf Deutsch „Ode“ wie Beethovens „Ode an die Freude“) ein anderes Konzept der Raumgliederung: Während im dänischen Vorzeigeprojekt Bereiche wie Makerspaces, Lernplätze und Medien räumlich ineinander geschachtelt sind, trennt das Oodi diese Funktionen relativ deutlich voneinander: Im Erdgeschoss empfangen Desks mit Helsinki-, Europa- und Bibliotheksinformation, ein Caféteria-Restaurant, ein Kino, eine Showküche und ein kleiner Kinderspielbereich die Besuchenden. Besonders berührt hat mich die Tatsache, dass der große Veranstaltungsraum im Erdgeschoss die Bezeichnung „Maijansali“ trägt und somit der vormaligen Bibliotheksleiterin Maija Berndtson gewidmet ist, die zu den wichtigen Wegbereiterinnen des Hauses gehört.

Das erste Stockwerk ist als „Urban Workspace“ ausschließlich Themen wie Makerspace, Gaming, Aufenthalt, Lern-und Musikstudios sowie Gruppenräumen gewidmet. Der Fokus ist hier auf Kreativität, Begegnung, Schaffen und Spielen gerichtet – unter anderem findet das auf ebener Fläche, in zahlreichen Einzel- und Gruppenräumen sowie einer großen Treppenlandschaft statt, aber auch ein stiller „Reading Room“ wird angeboten. Gelesen wird dort allerdings vorwiegend auf Bildschirmen, ganz ähnlich wie im sich anschließenden Lern- und Loungebereich mit vertikalem, grünen „Innengarten“. Besonders beeindruckt haben mich die diversen Tonstudios, in denen man nicht nur digitales Musikrecording betreiben kann, sondern unter denen sich auch ein echter und voll ausgestatteter Gruppenübungsraum für Bands befindet.

Das oberste und zweite Stockwerk verfolgt am ehesten das „klassische“ Bibliotheksleitbild: Rund 100.000 Bücher in weißen, halbhohen Regalen sind auf großzügiger Fläche mit Sitzgruppen, Aufenthaltsrampen, einer sehr großen Außenterrasse und einem Kinderbereich kombiniert, der im Hintergrund auch einen Veranstaltungs- und wiederum „stillen“ Bereich bereithält.

Und die Besucher/innen? Lieben das Gebäude! Nach Auskunft meiner wunderbaren Führerin durch die Bibliothek haben in den ersten neun Monaten 2.5 Millionen Menschen das Oodi besucht. Was würden die Kolleg/innen – von denen rund zehn Prozent nicht ursprünglich aus dem bibliothekarischen Feld stammen – heute anders machen? Antworten: Die Rampen lassen sich nur schwer sauberhalten und auch der Sicherheitsaspekt ist im Kinderbereich noch ein Thema. Das von den finnischen ALA-Architekten gestaltete Gebäude scheint nicht immer so funktionsgerecht, wie es eine Bibliothek vielleicht braucht. Überwältigend an einem Sommertag: Die große Dachterrasse, auf der man direkt ein Getränk oder einen Snack genießen kann, denn im 2. Stockwerk gibt es noch eine zweite Caféteria.

Sehr erstaunt war die junge Kollegin, dass man in Deutschland Ausweisgebühren in Bibliotheken verlangt – unvorstellbar in Finnland, wo Bibliotheken auch für Demokratie und egalitären Bildungszugang stehen. Das finnische Parlament liegt gleich gegenüber und auch eine Pressekonferenz des Parlamentes wurde bereits im Oodi abgehalten. Die Politik weiß in Finnland offensichtlich genau, welche Bedeutung moderne, offene Bibliotheken haben – bei uns in Deutschland bleibt also weiterhin die Aufgabe der „Bibliotheksedukation“ seitens der Fachprofession in Richtung Entscheider bestehen (die sicher auch in Finnland nie endet). Auf meine Nachfrage hin betonte die Kollegin noch einmal, wie wichtig der Partizipationsprozess mit den Bürger*innen Helsinki im Vorfeld war: Es wurden rund zehn Ideenworkshops und eine Online-Befragung durchgeführt.

Meine Abschlussfrage: Was würde die Kollegin einer Bibliotheksleitung in Deutschland raten, die ebenfalls vor der Aufgabe einer Neu- oder Umgestaltung der Bibliothek steht? Welche Themen sollten dabei im Fokus stehen? Drei Schlagworte waren schnell und spontan genannt: Partizipation gestalten, Zugänge schaffen und die Diversität der Bürger/innen bei allen Planungen berücksichtigen! Mit diesen Themen, vielen Anregungen und nach zwei großartigen Tagen in Helsinki ging es gestern wieder zurück in Richtung Deutschland. Danke, Oodi – für dieses Bibliotheksgeschenk der Finnen an die Welt und die Inspirationen.

Link: https://www.oodihelsinki.fi/en/
Beitrag von Andreas Mittrowann

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Der europäische Neugier-Index und die Bibliotheken

Die Firma Viking hat einen europäischen „Neugier-Index“ erstellt, in dem auch Bibliotheken eine Rolle spielen. Demnach sind die Bürger Maltas die neugierigsten in Europa und Deutschland landet lediglich auf Platz 20.

Bibliotheken galten laut Viking einst als Synonym für Wissensaneignung. Bücher waren die Informationsquelle schlechthin. Doch haben Bibliotheken in Deutschland ihren Stellenwert in Zeiten von Internetrecherchen und Wissen auf Knopfdruck eingebüßt? Für den Neugier-Index analysierte das Blogteam von Viking die durchschnittlichen Pro-Kopf-Ausleihen in Deutschland. Das Ergebnis: Bibliotheken sind im europäischen Vergleich überdurchschnittlich beliebt. Deutschland belegt den 12. Platz. Spitzenreiter ist hier – und das wundert sicher die wenigsten Kenner der Bibliothekswelt – Finnland, gefolgt von Slowenien und Estland.

Viking ist Teil des international agierenden Unternehmens Office Depot. Seit 1995 ist die Firma auch in Deutschland tätig. Zielgruppe sind primär kleine und mittelständische Unternehmen aus Industrie, Handwerk und Handel sowie Freiberufler.

Alle Ergebnisse und weiteren Details zum Neugier-Index finden sich hier:
https://blog.viking.de/erfolgreich-durchstarten/europaeischer-neugier-index/

Beitrag von Andreas Mittrowann, erstellt auf Basis von Materialien der Fa. Viking.

Bildung statt Kohle: eine neue Stadtbibliothek für Recklinghausen

Die Kreisstadt Recklinghausen liegt im Ruhrgebiet, im Nordwesten des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen. Sie ist die einzige Großstadt und gleichzeitig Sitz des bevölkerungsreichsten deutschen Landkreises, des Kreises Recklinghausen im Regierungsbezirk Münster. Recklinghausen ist in der Landesplanung als Mittelzentrum ausgewiesen, Teil der Metropolregion Rhein-Ruhr und bundesweit für die alljährlichen Ruhrfestspiele bekannt. Aktuell hat die Stadt rund 113.000 Einwohner. (Quelle: Wikipedia)

Recklinghausen ist wie viele andere Städte in der Region „Vest“ vom Strukturwandel geprägt. Die Kohleförderung als Wirtschaftfaktor existiert nicht mehr, die Arbeitslosenquote liegt bei rund zehn Prozent. Auch wenn die Stadt eine hohe sogenannte Handelszentralizität aufweist, liegt der „gefühlte Leerstand“ in der Innenstadt deutlich höher als bei mancher Einkaufsstadt im Süden der Republik.

Vor diesem Hintergrund erscheint es nur folgerichtig, dass der Rat der Stadt auf Bildung als zentrales Thema setzt und im vergangenen Jahr beschlossen hatte, die Stadtbibliothek vom bisherigen historischen Willy-Brandt-Haus in ein ehemaliges Kaufhaus mit einer noch zentraleren Innenstadtlage umziehen zu lassen. 

Am 15. Dezember wurde die neue Stadtbibliothek im Rahmen einer offenen Feierstunde eingeweiht. Bürgermeister Christoph Tesche betonte in seiner Rede die besondere Rolle der Bibliothek als „Frequenzbringer“ und Baustein der Stadtentwicklung. Staatssekretär Klaus Kaiser vom Ministerium für Kultur und Wissenschaft (MKW) unterstrich die neue Bedeutung von Bibliotheken als „Dritte Orte“ für Aufenthalt und Begegnung, die weit über die klassische Funktion der Ausleihstation hinausgehe. Insofern steht diese Bibliothek auch idealtypisch für den Paradigmenwandel in Bibliotheken und die damit verbundenen Herausforderungen.

Das zeigt sich auch in der konkreten Realisierung: Die Bibliotheksetage im Erdgeschoss des Gebäudes erstreckt sich auf über 1000 qm und ist gekennzeichnet durch weiße Regale und Präsentationsmöbel, die mit farblichen Akzenten der Sessel, Sitzmöbel und einer Gaming-Zone kontrastiert werden. Sichtbarkeit und Transparenz spielen eine deutlich größere Rolle als Innenraumgestaltungen früherer Jahrzehnte. Der coole Look der Bibliothek wird durch einladende Sessel, einen attraktiven Zeitschriftenbereich in einem Glaspavillion sowie designorientierte Hängelampen um eine Vielzahl von Blickfängen ergänzt. Cloudboards und digitale Whiteboards bereichern die Präsentation um zeitgemäße Technologie. Besonders clever: In der Mitte der Bibliothek wurde eine versteckte Fläche für Veranstaltungen integriert, um bei Bedarf eine entsprechende Raumvergrößerung realisieren zu können.

Die neue Stadtbibliothek in Recklinghausen zeigt auf diese Weise zentrale Faktoren der zukunftsorientierten Bibliotheksgestaltung auf: Außenwirkung, Wohlfühlambiente, Interaktivität, Lern- und Entwicklungsraum, Spielfreude sowie Transparenz als wichtige Faktoren machen die „neue Währung“ für das Ruhrgebiet deutlich: Bildung statt Kohle!

Fotos: https://flickr.com/photos/67365955@N02/sets/72157674600051267

Video: https://www.cityinfo.tv/ein-ort-der-begegnung-stadtbibliothek-eroeffnet

Beitrag von Andreas Mittrowann

USA: NYPL mit Marketingkampagne am „Black Friday“

Die New York Public Library hat in den USA Aufsehen erregt mit einer (ironischen) Marketingkampagne am „Black Friday“ in den USA. Die Nutzung der NYPL ist kostenlos – das wissen viele Menschen allerdings nicht. Die Anzeige „All Books are free“ in der New York Times zog viel Aufmerksamkeit auf sich und sorgte für doppelt so viele Online-Anmeldungen wie an einem üblichen Freitag.

Carrie Welch, Officer Public Relations an der NYPL führte dazu aus: „“The crazy thing about consumerism around the holidays is it’s slightly out of control; there are so many messages about how to spend money and we felt that this was a great opportunity to say: ‘You can get so much [at the library] for no money at all“.

https://www.thedrum.com/news/2018/11/29/we-ve-become-more-creative-ny-public-library-s-marketing-chief-black-friday-spoof

Beitrag von Andreas Mittrowann

Großbritannien: Eine Bibliotheksstrategie für Bristol

Bristol ist mit rund 567.000 Einwohnern die viertgrößte Stadt Englands und liegt im Südwesten der britischen Insel. Ursprünglich stand dem Bibliothekssystem ein schwerer Schlag bevor mit geplanten 1,4 Mio. BP Kürzungen und der voraussichtlichen Schließung von 17 der 27 Filialen. Doch nun hat Bürgermeister Martin Rees sich stattdessen für eine proaktive, zukunftsorientierte Strategie entschieden: Für eine Summe von 350.000 BP soll das System einen neuen Strategieplan erhalten. Dieser soll innerhalb von sechs Monaten und unter Beteiligung der Bürgerschaft entstehen. Als Optionen stehen unter anderem „Bürgerschaflich geführte Lösungen“ (die Umwandlung bestehender Bibliothek in nebenamtlich geführte?) und „nachhaltige Gebäudenutzung“ (kombiniert genutzte Gebäude?) im Raum.

In einem Report mit weiteren Informationen heißt es u.a.: „Die Strategie wird eine Vision für die Services enthalten, Erläuterungen zur Gestaltung zukünftiger Leistungen sowie einen Entwicklungsplan, der zu einem nachhalting und stärker bürgerschaftsorientiertem Service führen soll. Bibliotheken sind bereits ein natürlicher Knotenpunkt der Kommune, der Menschen und Interessengruppen zusammenführt in einem freien und freundlich gestalteten Raum. Wir werden untersuchen, inwieweit die aktuellen Räumlichkeiten und die aktuellen Bibliotheksleistungen ergänzt werden können.“

Es erscheint folgerichtig und konsequent, ein bereits bestehendes Bibliothekssystem neu aufzustellen, um Bildungerfolge für alle Bürger*innen zu ermöglichen. Dass dies sehr häufig auch in Großbritannien von Erfolg gekrönt ist, zeigt unter anderem dieser Bericht aus dem vergangenen Jahr: https://www.artscouncil.org.uk/case-studies/new-and-refurbished-libraries-attract-increased-numbers-visitors

Link:
https://www.bristolpost.co.uk/news/bristol-news/bristol-central-library-location-considered-2041569.amp

Noch 100 Tage bis zur Eröffnung der „Oodi“ in Helsinki

Drei Jahre nach der Eröffnung des DOKK1 in Aarhus steht die nächste Einweihung eines europäischen und voraussichtlich spektakulären Bibliotheksneubaus bevor: „Oodi“ – die neue Zentralbibliothek in Helsinki – steht vor ihrem „Grand Opening“ im Dezember 2018. In der Selbstprofilierung auf der Website heißt es unter anderem: „Oodi is a venue for events, a house of reading and a diverse urban experience. Oodi will provide its users with knowledge, new skills and stories, and will be an easy place to access for learning, story immersion, work and relaxation. A modern library is a living and functional meeting place.“

Die Architektur ist gekennzeichnet durch ein „Drei-Ebenen-Modell“ auf rund 10.000 qm: Das Erdgeschoss widmet sich als „Aktiv-Level“ der ständigen Veränderung mit einer großräumigen Lobby und einem Bereich für Ausstellungen sowie Aktionen, den zentralen Bibliotheksservices sowie – selbstverständlich – einem Bibliothekscafé. Als Gegenmodell zu diesem dynmamischen Bereich ist das 3. Obergeschoss konzeptioniert: Ganz deutlich mit dem Etikett „Book Heaven“ versehen widmet sich diese Ebene als Leseoase dem Entspannen und der Beschäftigung mit Büchern. Die „Oodi“ soll über einen Bestand von rund 100.000 Büchern verfügen. Ein weiteres Cáfe und eine Terrasse runden das klassische Bibliothekserlebnis in diesem Bereich ab. Das 2. Stockwerk ist auf Aktivität ausgerichtet: Arbeiten, Lernen, Interaktion, Gaming, Meeting-Räume und ein „Urban Workshop“ bilden hier die Kernelemente des Angebotes. Das 1. Obergeschoss dient als Zwischengeschoss für diverse, andere Funktionen.

Besonders wichtig ist der Kontext, in dem Gebäude errichtet wird: Die Stadt Helsinki hat in ihrer Vision das Ziel definiert, global führend bei der Bereitstellung von Werkzeugen für eine offene und partizipative Demokratie zu sein. Dazu gehören auch das „Recht auf Wissen, das Recht auf Bildung und auf öffentlichen Raum unabhängig von Lebensalter, Geschlecht, Rasse oder sozialer Herkunft“, so Helsinkis Bürgermeister Jan Vapaavuori anlässlich einer Präsentation der Bibliothek im Rahmen der diesjährigen Architekturbiennale in Venedig. Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass die Bürgerbeteiligung bei der Konzeption der Oodi eine besondere Rolle gespielt hat, wie hier nachzulesen ist: http://bid.ub.edu/pdf/38/en/haavisto.pdf.

Die Oodi wird allerdings nicht die eigentliche Pasila-Zentralbibliothek ersetzen, diese wird als administratives Zentrum der Bibliothekssystems in Helsinki erhalten bleiben.

Links:

https://youtu.be/m9QvrZ4hRRA

http://www.oodihelsinki.fi/en/

https://www.hel.fi/uutiset/en/kaupunginkanslia/oodi-will-open-in-december

Beitrag von Andreas Mittrowann

Danke für den Hinweis von HBest im Beitrag https://biistories.wordpress.com/2018/08/26/library4all-inklusion-als-menschenrecht!

„The Guardian“: Überfliegendes, digitales Lesen ändert die Gehirnstruktur

Die Forscherin und Autorin Maryanne Wolf beschäftigt sich in einem Artikel vom 25. August in der Online-Ausgabe des „Guardian“ mit dem „überfliegenden Lesen“ (Englisch: Skim reading) in der digitalen Welt. Jede/r von uns kennt das aus dem ICE-Großraum oder Flugzeug: Smartphones, iPads, Notebooks oder E-Reader bilden heute den Schwerpunkt bei den Arbeits- und Freizeitgeräten. Mit den veränderten Werkzeugen einher geht auch ein verändertes Leseverhalten, so Wolf: Texte werden nurmehr zusammenfassend überflogen oder sind durch ihr Format (Tweets, Facebook-Texte) sowieso leichter konsumierbar als längere, anspruchsvolle Inhalte. Der oberflächlichen Aufnahme folgen auf Dauer auch die Gehirnstruktur und das vor 6000 Jahren ausgebildete intellektuelle Aufnahmevermögen, so Wolf weiter. Diese „deep reading“ genannte Fähigkeit bildet aber die Grundlage für die Internalisierung von Wissen und kritische Analyse.

Ihre eigene Forschung sowie beispielsweise Untersuchungen von Mark Edmundson in Großbritannien und Anne Mangen in Norwegen würden zeigen, dass Studierende sowie Schüler immer schlechter in der Lage seien, längere und komplexe Texte aufzunehmen. So habe eine Kontrollgruppe von Lesenden auf einem Kindle schlechtere Erinnerungsfähigkeiten und ein schlechteres Textverständnis als die Print-Vergleichsgruppe. Die „neue Norm“ beim Lesen sei das „Skim reading“, bei dem lediglich sinntragene Bestandteile eines Texte entnommen werden.

Das Fazit der Autorin: Wir brauchen eine neue Form des „bi-literaten“ Gehirns, das sowohl in der digitalen wie der klassischen Form des Lesens in der Lage ist, Texte gründlich aufzunehmen – denn davon abhängig sei letztlich die Fähigkeit, gedanklich über das Gelesene hinauszugehen, sich in andere Standpunkte hineinzuversetzen und damit auch eine lebendige Demokratie zu sichern.

Frühere oder ähnliche Untersuchungen kommen übrigens zu ähnlichen Ergebnissen:
https://www.theguardian.com/books/2014/aug/19/readers-absorb-less-kindles-paper-study-plot-ereader-digitisation

https://www.businessinsider.de/students-learning-education-print-textbooks-screens-study-2017-10?r=US&IR=T

Link:
https://www.theguardian.com/commentisfree/2018/aug/25/skim-reading-new-normal-maryanne-wolf

Beitrag von Andreas Mittrowann

New York Public Library ermöglicht Zugang zu 33 weiteren Kulturinstitutionen

Die New Yorker mit einem Bibliotheksausweis ihrer NY Public Library können sich glücklich schätzen, denn dieser ermöglicht jetzt den Zugang zu 33 weiteren Museen wie dem Whitney Museum, dem Guggenheim und anderen Kulturinstituten.

Die neuen Partner haben gemeinsam mit der NYPL die Aktion „Culture Pass“ gestartet – eine Initiative mit dem Ziel, Menschen ohne die entsprechenden finanziellen Möglichkeiten die kulturelle Vielfalt New Yorks zu eröffnen. Auch die Kunden der Brooklyn Public Library und der Queens Library werden in der Lage sein, die gesamte neue Vielfalt zu nutzen.

Manche Menschen sind von Museen eingeschüchtert“, so Linda Johnson, Präsidentin der Brooklyn Public Library in einem telefonischen Interview. „Sie sollten nicht von den wundervollen, kulturellen Angeboten ausgeschlossen werden, die den Einwohnern New Yorks zur Verfügung stehen“. Auch Johannes Neuer, Director Customer Experience an der NYPL und kommender Bibliothekarischer Direktor der ekz.bibliotheksservice GmbH, hat das Projekt mit auf den Weg gebracht. Einige der beteiligten Institutionen ermöglichen sogar den Zugang von bis zu vier Personen mit einem Ausweis.

Die Initiative wird von mehreren Stiftungen und dem New York City Department of Cultural Affairs finanziell unterstützt.

https://www.nytimes.com/2018/07/16/arts/design/library-card-culture-pass-new-york-museums-free.html

Eine neue Strategie für Irlands Öffentliche Bibliotheken

Das irische Ministerium für Entwicklung im kommunalen und ländlichen Raum sowie das Entwicklungskomitee für Bibliotheken der Local Government Management Agency bereiten aktuell einen neuen Strategieplan für Irlands Öffentliche Bibliotheken für den Zeitraum 2018 bis 2022 vor.

Auch hier steht – ähnlich wie im US-amerikanischen Projekt „Libraries Transform“ – der Begriff der „Transformation“ im Vordergrund, denn auch in Irland wandeln sich Bibliotheken immer stärker von „Ausleihstationen“ hin zu Orten der Kommunikation, Begegnung und des Lernens und damit zu lebendigen Zentren jeder Stadt und Gemeinde. Entsprechend heißt es gleich zu Beginn des Dokumentes:

„The ambition of this five-year strategy is to transform libraries so that every community in Ireland has access to an attractive, vibrant, multi-functional library service. Libraries will be mainstream centres for information, learning, local culture and community“.

Konkret sind dabei unter anderem die Verdoppelung der Nutzer („active membership“) von 15 auf 30 Prozent der Bevölkerung, die Beseitigung von Zugangsbarrieren inklusive der Abschaffung von Ausweis- und Mahngebühren (!), die umfassende Wandlung der Gebäude hin zu attraktiven Orten, die deutliche Erhöhung der Etats sowie eine nationale und lokale Marketingkampagne geplant. Botschaft: Es lohnt sich für jede Kommune, in Bibliotheken zu investieren!

Zur Erreichung der Ziele sind drei große Strategieprogramme vorgesehen, nämlich „Lesen und Leseförderung“, „Lernen und Information“ sowie „Gemeinschaft und Kultur“. Fünf „Key Actions“ bilden dabei die Hebel, um die Strategieprogramme mit Leben zu füllen:

  • Infrastruktur und Servicebereitstellung
  • Entwicklung des Bibliotheksteams
  • Promotion und Marketing
  • Bestände
  • Finanzierung

Eine übersichtliche und einprägsame Grafik auf Seite 9 des Entwurfs zeigt die wesentlichen Bausteine des Projektes. Kritisch darf vielleicht angemerkt werden, dass Begriffe aus der aktuellen Diskussion um öffentliche Bibliotheken wie „Gamification“, „Makerspaces“ oder „Design Thinking“ keine Rolle spielen. Die Entwicklung innovativer, kundengerechter Angebote gemeinsam mit den Bürger*innen hätte vielleicht eine weitere „Key Action“ verdient. Schön ist es daher, dass im Strategieprogramm „Community and Culture“ das Ziel formuliert wird: „Support connected, informed communities and promote civic participation.“

Sollte das Programm wie geplant zum Tragen kommen, darf man Irland beglückwünschen zu einem großen Schritt mit den richtigen Prioritäten für Bibliotheken im 21. Jahrhundert.

Der als „vertraulich“ markierte Entwurf ist öffentlich einsehbar unter: http://bit.ly/2FOChzT

Beitrag von Andreas Mittrowann

Auch in Australien: Bibliotheksfiliale ohne Bücher

Nach der Eröffnung neuer, rein digitaler Zweigstellen in San Antonio und Omaha wird jetzt im australischen Port Philip eine bereits bestehende Bibliotheksfiliale im Stadtteil Middle Park im gleichen Sinne neu ausgerichtet. Die noch vorhandenen Bücher werden in eine andere Zweigstelle gebracht. Der neue Fokus in Middle Park lautet gemäß einem Ratsbeschluss „Kreatives und kollaboratives Lernumfeld“ und wird sich insbesondere an 18 bis 25jährige, junge Erwachsene richten. Bei Middle Park handelt es sich um die kleinste der sechs Zweigstellen in der Kommune mit rund 91.000 Einwohnern. Port Phillip gehört zur Metropole Melbourne, der Hauptstadt des Bundesstaates Victoria.

Die Buchausleihe in Middle Park und die Zahl der Besucher waren seit dem Jahr 2006 um 50 Prozent gesunken. Eigentlich ist die Lage der kleinen Bibliothek recht günstig, denn im gleichen Gebäudekomplex befinden sich auch Eltern-Kind-Räume, ein Kindergarten sowie eine Spielgzeugbibliothek. Bürgermeisterin Bernadene Voss zur neuen Ausrichtung: „Der Hauptfokus einer transformierten Middle Park Bibliothek ist es, den Nutzern mehr Zugang zu digitalen Ressourcen, Multimedia-Geräten und kreativen Softwarepaketen in einem neuen kollaborativen Arbeitsbereich zu ermöglichen“.

In Zeiten des Umbruchs formiert sich gegen Pläne wie den in Port Phillip auch Widerstand – so hat sich eine Bürgerinitiative gegründet, die gegen die neue Strategie kämpft: https://youtu.be/gdOxsx84nM8.

Link: http://www.heraldsun.com.au/news/special-features/news-in-education/the-library-with-no-books-as-port-phillip-council-votes-for-digital-space/news-story/c1a743920d2950add795164c5db1a193

Beitrag von Andreas Mittrowann