Ein Besuch im Oodi Helsinki – der besten Bibliothek der Welt 2019

Im Dezember 2018 wurde das Oodi eröffnet, Helsinkis neue Bibliotheksniederlassung im Zentrum der Stadt. Tatsächlich handelt es sich nicht um die neue Zentralbibliothek, sondern eher um eine „Flaggschiff-Filiale“, in der die finnischen Kolleg/innen ihre gemeinsam mit den Bürger/innen erarbeitete Vision für die Bibliothek der Zukunft realisiert haben. Nun hatte ich auch persönlich die Gelegenheit, mir im Rahmen eines Kurzbesuches das Haus anzuschauen – und das zufälligerweise an genau dem Tag, an dem das Oodi von der IFLA und dem Sponsor „Systematic“ zu besten Bibliothek der Welt gekürt wurde.

Vorweg: Alles Wissenswerte hat bereits die Kollegin Beate Detlefs hervorragend in einem Fachartikel im „Forum Buch und Bibliothek“ zusammengefasst, der hier zum Einsehen bereitsteht.

Im Vergleich mit dem ebenfalls wegweisenden DOKK1 in Aarhus verfolgt das Oodi (auf Deutsch „Ode“ wie Beethovens „Ode an die Freude“) ein anderes Konzept der Raumgliederung: Während im dänischen Vorzeigeprojekt Bereiche wie Makerspaces, Lernplätze und Medien räumlich ineinander geschachtelt sind, trennt das Oodi diese Funktionen relativ deutlich voneinander: Im Erdgeschoss empfangen Desks mit Helsinki-, Europa- und Bibliotheksinformation, ein Caféteria-Restaurant, ein Kino, eine Showküche und ein kleiner Kinderspielbereich die Besuchenden. Besonders berührt hat mich die Tatsache, dass der große Veranstaltungsraum im Erdgeschoss die Bezeichnung „Maijansali“ trägt und somit der vormaligen Bibliotheksleiterin Maija Berndtson gewidmet ist, die zu den wichtigen Wegbereiterinnen des Hauses gehört.

Das erste Stockwerk ist als „Urban Workspace“ ausschließlich Themen wie Makerspace, Gaming, Aufenthalt, Lern-und Musikstudios sowie Gruppenräumen gewidmet. Der Fokus ist hier auf Kreativität, Begegnung, Schaffen und Spielen gerichtet – unter anderem findet das auf ebener Fläche, in zahlreichen Einzel- und Gruppenräumen sowie einer großen Treppenlandschaft statt, aber auch ein stiller „Reading Room“ wird angeboten. Gelesen wird dort allerdings vorwiegend auf Bildschirmen, ganz ähnlich wie im sich anschließenden Lern- und Loungebereich mit vertikalem, grünen „Innengarten“. Besonders beeindruckt haben mich die diversen Tonstudios, in denen man nicht nur digitales Musikrecording betreiben kann, sondern unter denen sich auch ein echter und voll ausgestatteter Gruppenübungsraum für Bands befindet.

Das oberste und zweite Stockwerk verfolgt am ehesten das „klassische“ Bibliotheksleitbild: Rund 100.000 Bücher in weißen, halbhohen Regalen sind auf großzügiger Fläche mit Sitzgruppen, Aufenthaltsrampen, einer sehr großen Außenterrasse und einem Kinderbereich kombiniert, der im Hintergrund auch einen Veranstaltungs- und wiederum „stillen“ Bereich bereithält.

Und die Besucher/innen? Lieben das Gebäude! Nach Auskunft meiner wunderbaren Führerin durch die Bibliothek haben in den ersten neun Monaten 2.5 Millionen Menschen das Oodi besucht. Was würden die Kolleg/innen – von denen rund zehn Prozent nicht ursprünglich aus dem bibliothekarischen Feld stammen – heute anders machen? Antworten: Die Rampen lassen sich nur schwer sauberhalten und auch der Sicherheitsaspekt ist im Kinderbereich noch ein Thema. Das von den finnischen ALA-Architekten gestaltete Gebäude scheint nicht immer so funktionsgerecht, wie es eine Bibliothek vielleicht braucht. Überwältigend an einem Sommertag: Die große Dachterrasse, auf der man direkt ein Getränk oder einen Snack genießen kann, denn im 2. Stockwerk gibt es noch eine zweite Caféteria.

Sehr erstaunt war die junge Kollegin, dass man in Deutschland Ausweisgebühren in Bibliotheken verlangt – unvorstellbar in Finnland, wo Bibliotheken auch für Demokratie und egalitären Bildungszugang stehen. Das finnische Parlament liegt gleich gegenüber und auch eine Pressekonferenz des Parlamentes wurde bereits im Oodi abgehalten. Die Politik weiß in Finnland offensichtlich genau, welche Bedeutung moderne, offene Bibliotheken haben – bei uns in Deutschland bleibt also weiterhin die Aufgabe der „Bibliotheksedukation“ seitens der Fachprofession in Richtung Entscheider bestehen (die sicher auch in Finnland nie endet). Auf meine Nachfrage hin betonte die Kollegin noch einmal, wie wichtig der Partizipationsprozess mit den Bürger*innen Helsinki im Vorfeld war: Es wurden rund zehn Ideenworkshops und eine Online-Befragung durchgeführt.

Meine Abschlussfrage: Was würde die Kollegin einer Bibliotheksleitung in Deutschland raten, die ebenfalls vor der Aufgabe einer Neu- oder Umgestaltung der Bibliothek steht? Welche Themen sollten dabei im Fokus stehen? Drei Schlagworte waren schnell und spontan genannt: Partizipation gestalten, Zugänge schaffen und die Diversität der Bürger/innen bei allen Planungen berücksichtigen! Mit diesen Themen, vielen Anregungen und nach zwei großartigen Tagen in Helsinki ging es gestern wieder zurück in Richtung Deutschland. Danke, Oodi – für dieses Bibliotheksgeschenk der Finnen an die Welt und die Inspirationen.

Link: https://www.oodihelsinki.fi/en/
Beitrag von Andreas Mittrowann

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