Archiv für den Monat August 2018

Noch 100 Tage bis zur Eröffnung der „Oodi“ in Helsinki

Drei Jahre nach der Eröffnung des DOKK1 in Aarhus steht die nächste Einweihung eines europäischen und voraussichtlich spektakulären Bibliotheksneubaus bevor: „Oodi“ – die neue Zentralbibliothek in Helsinki – steht vor ihrem „Grand Opening“ im Dezember 2018. In der Selbstprofilierung auf der Website heißt es unter anderem: „Oodi is a venue for events, a house of reading and a diverse urban experience. Oodi will provide its users with knowledge, new skills and stories, and will be an easy place to access for learning, story immersion, work and relaxation. A modern library is a living and functional meeting place.“

Die Architektur ist gekennzeichnet durch ein „Drei-Ebenen-Modell“ auf rund 10.000 qm: Das Erdgeschoss widmet sich als „Aktiv-Level“ der ständigen Veränderung mit einer großräumigen Lobby und einem Bereich für Ausstellungen sowie Aktionen, den zentralen Bibliotheksservices sowie – selbstverständlich – einem Bibliothekscafé. Als Gegenmodell zu diesem dynmamischen Bereich ist das 3. Obergeschoss konzeptioniert: Ganz deutlich mit dem Etikett „Book Heaven“ versehen widmet sich diese Ebene als Leseoase dem Entspannen und der Beschäftigung mit Büchern. Die „Oodi“ soll über einen Bestand von rund 100.000 Büchern verfügen. Ein weiteres Cáfe und eine Terrasse runden das klassische Bibliothekserlebnis in diesem Bereich ab. Das 2. Stockwerk ist auf Aktivität ausgerichtet: Arbeiten, Lernen, Interaktion, Gaming, Meeting-Räume und ein „Urban Workshop“ bilden hier die Kernelemente des Angebotes. Das 1. Obergeschoss dient als Zwischengeschoss für diverse, andere Funktionen.

Besonders wichtig ist der Kontext, in dem Gebäude errichtet wird: Die Stadt Helsinki hat in ihrer Vision das Ziel definiert, global führend bei der Bereitstellung von Werkzeugen für eine offene und partizipative Demokratie zu sein. Dazu gehören auch das „Recht auf Wissen, das Recht auf Bildung und auf öffentlichen Raum unabhängig von Lebensalter, Geschlecht, Rasse oder sozialer Herkunft“, so Helsinkis Bürgermeister Jan Vapaavuori anlässlich einer Präsentation der Bibliothek im Rahmen der diesjährigen Architekturbiennale in Venedig. Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass die Bürgerbeteiligung bei der Konzeption der Oodi eine besondere Rolle gespielt hat, wie hier nachzulesen ist: http://bid.ub.edu/pdf/38/en/haavisto.pdf.

Die Oodi wird allerdings nicht die eigentliche Pasila-Zentralbibliothek ersetzen, diese wird als administratives Zentrum der Bibliothekssystems in Helsinki erhalten bleiben.

Links:

https://youtu.be/m9QvrZ4hRRA

http://www.oodihelsinki.fi/en/

https://www.hel.fi/uutiset/en/kaupunginkanslia/oodi-will-open-in-december

Beitrag von Andreas Mittrowann

Danke für den Hinweis von HBest im Beitrag https://biistories.wordpress.com/2018/08/26/library4all-inklusion-als-menschenrecht!

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„The Guardian“: Überfliegendes, digitales Lesen ändert die Gehirnstruktur

Die Forscherin und Autorin Maryanne Wolf beschäftigt sich in einem Artikel vom 25. August in der Online-Ausgabe des „Guardian“ mit dem „überfliegenden Lesen“ (Englisch: Skim reading) in der digitalen Welt. Jede/r von uns kennt das aus dem ICE-Großraum oder Flugzeug: Smartphones, iPads, Notebooks oder E-Reader bilden heute den Schwerpunkt bei den Arbeits- und Freizeitgeräten. Mit den veränderten Werkzeugen einher geht auch ein verändertes Leseverhalten, so Wolf: Texte werden nurmehr zusammenfassend überflogen oder sind durch ihr Format (Tweets, Facebook-Texte) sowieso leichter konsumierbar als längere, anspruchsvolle Inhalte. Der oberflächlichen Aufnahme folgen auf Dauer auch die Gehirnstruktur und das vor 6000 Jahren ausgebildete intellektuelle Aufnahmevermögen, so Wolf weiter. Diese „deep reading“ genannte Fähigkeit bildet aber die Grundlage für die Internalisierung von Wissen und kritische Analyse.

Ihre eigene Forschung sowie beispielsweise Untersuchungen von Mark Edmundson in Großbritannien und Anne Mangen in Norwegen würden zeigen, dass Studierende sowie Schüler immer schlechter in der Lage seien, längere und komplexe Texte aufzunehmen. So habe eine Kontrollgruppe von Lesenden auf einem Kindle schlechtere Erinnerungsfähigkeiten und ein schlechteres Textverständnis als die Print-Vergleichsgruppe. Die „neue Norm“ beim Lesen sei das „Skim reading“, bei dem lediglich sinntragene Bestandteile eines Texte entnommen werden.

Das Fazit der Autorin: Wir brauchen eine neue Form des „bi-literaten“ Gehirns, das sowohl in der digitalen wie der klassischen Form des Lesens in der Lage ist, Texte gründlich aufzunehmen – denn davon abhängig sei letztlich die Fähigkeit, gedanklich über das Gelesene hinauszugehen, sich in andere Standpunkte hineinzuversetzen und damit auch eine lebendige Demokratie zu sichern.

Frühere oder ähnliche Untersuchungen kommen übrigens zu ähnlichen Ergebnissen:
https://www.theguardian.com/books/2014/aug/19/readers-absorb-less-kindles-paper-study-plot-ereader-digitisation

https://www.businessinsider.de/students-learning-education-print-textbooks-screens-study-2017-10?r=US&IR=T

Link:
https://www.theguardian.com/commentisfree/2018/aug/25/skim-reading-new-normal-maryanne-wolf

Beitrag von Andreas Mittrowann