Archiv für den Monat August 2016

„Leih‘ Dir eine Erfahrung aus“: Perspektiven auf die Bibliothek der Zukunft

Bibliotheken werden in 50 Jahren Zentren sein, die Lernen, Aufnehmen, Teilen, Kreieren und Erleben an einem Ort verbinden. Zu ihrem Angebot werden auch riesige Datenbanken gehören, mit deren Hilfe Erlebnisse und Lernerfahrungen mittels neuer Technologien „ausgeliehen“ und „nacherlebt“ werden können – sei es das Erklimmen des Mount Everest oder ein Nachmittag als Hund. Dies berichtet die Website „UK Business Insider“ auf Basis der Aussagen von David Pescovitz, dem Mitherausgeber der US-Website „Boing Boing“ und Forschungsdirektor am Zukunftsinstitut in Palo Alto.

Um überhaupt Aussagen für einen so langen Zeitraum machen zu können, müsse man zuerst einmal die grundlegende Aufgabe von Bibliotheken verstehen, so Pescovitz. Und die bestünde, so der Forscher weiter, im Kern darin, den Zugriff auf Wissen zu ermöglichen. Das besondere Kennzeichen für die Bibliothek der Zukunft sei Hyperkonnektivität, die unsere weiter voranschreitende Bindung an soziale Medien, Streaming und Daten aus öffentlichen Quellen reflektiere (siehe hierzu auch http://trends.ifla.org/hyper-connected-societies). Das Makerspace in der Bibliothek der Zukunft sieht der Experte beispielsweise im Schaffen genetisch manipulierter Mikroben.

Beständigkeit sieht Peskovitz jedoch bei der Notwendigkeit einer Beratung und Begleitung in der Bbliothek 2056, lässt aber offen, ob diese Aufgabe durch Menschen wahrgenommen werden wird: „Pescovitz suspects that humans will always need some sort of guide to make a foreign landscape more familiar. Whether humanity turns that job into one for artificial intelligence is another matter, he says.“

„Wir reden sehr viel über Informationen und das Informationszeitalter. Ich denke jedoch, Menschen in der Zukunft werden eher nach Wissen und Weisheit Ausschau halten“, so die Einschätzung des Forschers.

Link: http://uk.businessinsider.com/libraries-of-the-future-2016-8?r=US&IR=T

Beitrag / Übersetzungen von Andreas Mittrowann

Aus Chicago: Impressionen vom IFLA Satellite Meeting „Collaborative Strategies for Successful Library Design and Innovative Use“

Wissen Bibliothekar/innen auf Basis ihrer Erfahrungen, was „richtig“ für ihre Besucher ist? Reichen die Erfahrungen von Architekt/innen seit dem Bau der Bibliothek von Alexandria bis heute nicht aus, um die perfekte Bibliothek zu gestalten? Unsere Welt ist so viel komplexer geworden, die Gesellschaft deutlich facettenreicher, die Technologie dynamischer und unsere Werte unterliegen einem deutlichen Wandel, wie man beispielsweise in der Kindererziehung deutlich beobachten kann. 

Für den Bau und die Gestaltung von Bibliotheken bedeutet dies, dass unter anderem der Einbezug der KundInnen oder BenutzerInnen eine deutlich wichtigere Rolle spielt als in vergangenen Zeiten. Da wir das Zeitalter der Universalgenies hinter uns gelassen haben und heute jeder nicht mehr „alles“ wissen kann, ist es umso notwendiger, möglichst viele Perspektiven und Erfahrungen in den Designprozess einfließen zu lassen. Genau diesem Thema widmet sich das aktuell in Chicago durchgeführte IFLA Satellite Meeting „Collaborative Strategies for Sucessful Library Design and Innovative Use“, das in der Galvin Library des Illinois Institute for Technology stattfindet. Unter der Regie der wunderbaren Gastgeberinnen Sharon Bostick und Diane Koen standen am ersten Konferenztag die Schwerpunkte „Student engagement and collaboration“, „Stakeholder engagement“ sowie „Collaboration for a successful master plan“ und „Inkrementeller Opportunismus / User driven design“ (Letzteres mit Olaf Eigenbrodt aus Hamburg) im Mittelpunkt. Dabei ist es den Organisatorinnen gelungen, gleichermaßen Menschen aus wissenschaftlichen sowie öffentlichen Bibliotheken und aus der Architekturprofession auf die Bühne der Galvin Library zu bringen.

Ein paar Kernaussagen des ersten Tages (so wie ich sie verstanden habe) von den hervorragenden Referentinnen und Referenten:

  • Bibliothekar/innen müssen viel aggressiver ihre Sache in den Gremien vertreten! Seien Sie mehr involviert, sitzen Sie an jedem (Entscheidungs)Tisch, machen Sie mehr Lobbyarbeit! Wissen Ihre Entscheider eigentlich, wo genau die Bibliothek ist und wie es darin aussieht? „Advocacy is the top competency librarians must have“
  • Schaffen Sie durch den Einbezug der Kunden und durch die Gestaltung der Bibliothek einen Sinn für Gemeinschaft
  • Es ist ein gutes Zeichen, wenn man einen Raum betritt und nicht sofort klar ist, welche Funktion wo vorgesehen ist
  • Machen Sie Bibliotheken zu dem Ort, wo die „Action“ ist
  • Erwerben Sie ein grundlegendes Verständnis dafür, was Lernen heute für Schüler und Studenten bedeutet
  • Es werden nur zwei Typen von Gebäuden überleben: Der sehr „einfache“ Typus und der hochentwickelte Typus
  • Gutes Design vermittelt den Bibliotheksbesuchern Wertschätzung (!!!)
  • Studenten heute wollen sozial orientierte Räume für projektbasiertes Arbeiten
  • Das heutige Analogon für Bibliotheken ist eher das Labor, das Studio, der Kreativitätsraum als die Mediensammlung, BIbliotheken sind und bleiben aber auch Orte der „intellektuellen Kontemplation“
  • Immer mehr Bibliotheken reduzieren den Raum für Medien zugunsten von Raum zum Lernen und Begegnen
  • Schaffen Sie Bereiche für das „Ich“ (individuelles Lernen), das „Wir“ (Gruppenlernen) und das „Uns“ (plenare Veranstaltungen)

Die zahlreichen Beispiele, die für den Einbezug von Nutzergruppen präsentiert wurden, lassen sich im Programm hier nachvollziehen: http://docdro.id/x9wFU8q

Ein Highlight der Veranstaltung war der nachmittägliche Workshop mit Marie Østergard vom DOKK1 in Aarhus sowie Elif Tinaztepe von Schmidt Hammer Lassen Architects. Unter ihrer Moderation schufen die Teilnehmer in Dreiergruppen zunächst „Personas“. Eine Persona stellt einen Prototyp für eine Gruppe von Nutzern dar, mit konkret ausgeprägten Eigenschaften und einem konkreten Nutzungsverhalten. Anschließend wurde der Gang der geschaffenen Persona durch einen vorgegebenen Bibliotheksgrundriss simuliert und sowohl die vermuteten positiven als auch negativen Effekte nachvollzogen. Durch die vielen geschaffenen Personas entsteht ein eindrucksvoller Prozess des „systematischen Hineinversetzens“ – die Bibliothek wird aus Sicht der Kunden erlebt. Diese Methode kann beispielsweise hervorragend in Workshops mit Bürgern eingesetzt werden – nicht nur bei Neubauten, sondern bei allen geplanten Veränderungen in der Innenraumgestaltung. Ein wirklich sehr lohnender Tag!

Mit herzlichen Grüßen aus Chicago

Ihr Andreas Mittrowann

Die Armidale Library und der Wandel

Wenn unendlich viele Informationen im Internet verfügbar sind, was ist dann die Rolle der öffentlichen Bibliothek? Diese Frage stellt sich auch Martin Mantle von der Armidale Library in Australien, einem kleinen Ort mit rund 20.000 Einwohnern. Im Interview mit dem „Armidale Express“ bekräftigt er seine Einschätzung, das eine der wichtigsten Zukunftsaufgaben der öffentlichen Bibliothek die eines „Community place“ sein wird.

„From the inclusion of maker spaces to collection points for charity organisations like Wraps with Love, Martin said libraries were no longer just about the books.“ Dabei betont der Bibliothekar, dass er nach wie vor Bücher wegen ihres barrierefreie Zugriffs und der Informationseffizienz dem Internet für überlegen hält.

Mantle sieht die Bibliothek zwischen ihrer Informationsfunktion und dem Zentrum für die Kommune: „For libraries, Martin said the future is about finding the middle ground between old and new. While he said libraries, like the local one, will always be a repository of information, they are increasingly a community space.“ Der Artikel zeigt auf schöne Weise, dass auch kleine Bibliotheken vom großen Wandel betroffen sind und ihm mit Mut und guten Konzepten erfolgreich begegnen können.

Link: http://www.armidaleexpress.com.au/story/4069767/librarian-tells-why-the-internet-will-never-roll-the-greatest-invention-humans-ever-made

Beitrag von Andreas Mittrowann