Licht im Dunkel: Bibliotheksneubauten in Großbritannien

Eine Studienreise im April 2013 in Großbritannien hat deutlich gemacht: Auch unter allgemein erschwerten Bedingungen sind moderne, zeitgemäße und konzeptionell überzeugende Bibliotheksneubauten möglich. Und von erschwerten Bedingungen kann man auf der britischen Insel momentan wahrhaftig sprechen: Phil Bradley, der Präsident des britischen Bibliotheksverbandes „Chartered Institute of Library and Information Specialists“ (CILIP) berichtete im persönlichen Gespräch, dass aktuell jeden Tag eine Buchhandlung auf der Insel schließt und insgesamt rund 600 Bibliotheken von der Schließung oder der Deprofessionalisierung bedroht sind, weil für Kernaufgaben keine Bibliothekare mehr eingestellt, sondern Freiwillige beschäftigt werden.

Trotz dieser bedrohlichen Situation gibt es aber auch Hoffnung: Der Verfasser konnte unter anderem gemeinsam mit dem „Library Service Network“ – einem lockeren, internationalen Verbund von Bibliotheksdienstleistern – die neue Bibliothekfiliale „The Shard“ („Die Scherbe“) in Birmingham besuchen. Der Name rührt von einer scharf aufragenden „Flosse“ am Gebäude her, die den „herausragenden“ Charakter der Einrichtung betont. Ziel dieses Projektes mit einer Investitionssumme von 1,9 Millionen Pfund war die Aufwertung des Stadtteils „Shard End Urban Village“ und die Steigerung der Lebensqualität nicht nur durch die helle, modern gestaltete Bibliothek, sondern auch durch das integrierte Beratungs- und Bürgerzentrum sowie das großzügige Raumangebot. Auffällig sind bei der Farbgestaltung die Verwendung von einem hohen Weißanteil in Kombination mit leuchtenden Farben – bis hin zur rosafarbenen Wand hinter der Verbuchungstheke. Bei den Regalen handelt es sich weitgehend um Schreinerarbeiten, die auf eine buchhandelsorientierte Vermittlung mit vorherrschender Frontalpräsentation abzielen, ergänzt um Computerlernplätze und vielen Designermöbeln. Der Anteil an Medien wurde zugunsten von Bürgerbüro, Caféteria, Lernplätzen und Gemeinschaftsräumen zurückgefahren – die Bibliothek versteht sich neben ihrer „eigentlichen“ Funktion gleichberechtigt als Stadtteilzentrum.

Sehr überzeugend wirkt ebenfalls „The Hive“ („Der Bienenstock“), die im letzten Jahr eröffnete Kombination aus Universitäts- und Stadtbibliothek in Worcester. Der goldfarben verkleidete, asymetrisch gestaltete Baukörper beherbergt ebenfalls ein Bürgerbüro, ein historisches Archiv sowie kombinierte Bestände für die Zielgruppen. Konkret wird bspw. der Bestand zum Thema „Geographie“ getrennt von ÖB und WB erworben, jedoch gemeinsam in einer Aufstellung nach Dewey Classification präsentiert. Mut zur Farbe und ein hoher Tageslichtanteil kennzeichnen die Verkehrsflächen und Gestaltungselemente, kombiniert mit zahlreichen Sitz- und Lernplätzen.  Somit entsteht insgesamt eine angenehme, offene Atmosphäre. Auffällig sind die Verbuchungs- bzw. Beratungstheken, die sich als Stehplätze mitten im Raum befinden und das „Nebeneinander“ von Kunde und Bibliotheksmitarbeiter/in fördern.

Überzeugende Bibliothekskonzepte und überzeugte kommunale Entscheider können also auch in Krisensituationen noch positive Leuchtturmprojekte und begeisterte Bürger hervorbringen.

Links:
http://www.bbc.co.uk/news/uk-england-birmingham-18365304
https://www.dropbox.com/sh/ofeie9sjvss9uis/eRFKHK1nJ8

http://www.thehiveworcester.org/
https://www.dropbox.com/sh/ofeie9sjvss9uis/eRFKHK1nJ8

Beitrag von Andreas Mittrowann

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