Isländische Bibliothekskonferenz 2012

Durch Vermittlung des Goethe-Instituts Kopenhagen und der dortigen Bibliotheksleiterin Beate Detlefs durfte ich in der vergangenen Woche auf dem zweijährlich stattfindenden isländischen Bibliothekartag „Landsfundur Upplysingar“ des Bibliotheksverbandes „Upplysing“ („Informationsvereinigung“) einen Vortrag zum Thema „Bibliothek der Zukunft“ halten. Meine Schwerpunkte waren dabei die Themen demographischer Wandel, digitale Entwicklungen und die „Bibliothek als Ort“.

In Island mit seinen 320.000 Einwohnern gibt es insgesamt mehr als 550 Bibliothekarinnen und Bibliothekare, von denen knapp 200 an der professionell organisierten Zusammenkunft teilnahmen. Die Tagung fand in Kópavogur statt, einem Vorort von Reyjkjavik mit rund 30.000 Einwohnern. Im Ballungsraum Reykjavik wohnen rund zwei Drittel der Bevölkerung, deren Sprache sich seit rund 1000 Jahren kaum verändert hat. Somit ist im Prinzip jeder Isländer auch heute noch fähig, die Edda und den Codex Regius zu entziffern und zu verstehen. Neue Begriffe werden weitgehend in die Sprache integriert, so heißt „Computer“ in der isländischen Sprache „Rechenhexe„. In Island werden Tradition und Innovation hervorragend vereint, das reicht von der Pflege des historischen Erbes bis hin zur Versorgung des Landes ausschließlich mit geothermischer und durch Wasser erzeugter Energie.

Die Konferenz stand unter dem Motto „Gagn og Gaman“ – „zur Nutzung und zur Freude“. Meine Co-Redner waren Ross Todd, Associate Professor an der School of Communication and Information der Rutgers University in den USA mit einem Vortrag zum Thema „Informations- und Medienkompetenz“ sowie Phil Bradley, der Vorsitzende des britischen Bibliotheksverbandes CILIP.

In einer echten „Brandrede“ berichtete Letzterer von der extrem kritischen Situation in Großbritannien: Insgesamt sind bzw. werden 600 Bibliotheken geschlossen und jeden Tag gibt zudem eine Buchhandlung auf – bisher sind es insgesamt 2000. Phil Bradley rief die Kolleginnen und Kollegen auf mitreißende und bewegende Weise zum Stolz auf ihre Profession sowie zur Stärke auf und riet dringend dazu, die Vermittlung von Informationen zum „Kernprodukt“ der Bibliothek zu machen. Seine Ausgangsthese lautete, dass klassische Suchmaschinen wie Google bald ihr Ende erleben werden, da mittlerweile einfach zu viel Informationen im Internet verfügbar seien und dies von einer konventionellen Suchmaschine nicht mehr erledigt werden könne. Er brachte zahlreiche Beispiele zum „next big thing“, nämlich der „sozialen Suche“, die Netzwerke wie Facebook, Google+ und Twitter einbezieht. Unter anderem sagte er auch eine Suchmaschine von Facebook für das kommende Jahr voraus. Aufgabe der Bibliothekare sei es demzufolge, so vernetzt wie möglich zu arbeiten, um bei einer Suche alle verfügbaren Kontakte und sozialen Quellen einbeziehen zu können.

Das Publikum nahm die Rede begeistert auf und spendete viel Beifall. In der anschließenden Diskussion ging es unter anderem um die dringende Notwendigkeit von Schulungsprogrammen, um die Kompetenzen im Berufsfeld weiterzuentwickeln sowie um die notwendige Verjüngung der Profession. Die Themen der Konferenz habe ich als topaktuell und fachlich sehr relevant empfunden, verbunden mit einer angenehmen, heiteren und professionellen Atmosphäre. Glückwunsch an die isländischen Kolleginnen und Kollegen!

Insgesamt habe ich im Rahmen des Aufenthaltes auch drei Bibliotheken besichtigt, dazu finden sich unter den folgenden Links ein paar kleine Impressionen:
–    Kopavogur Public Library
–    Nordic House Library (Kulturinstitut der nordischen Länder)
–    Reykjavik Public Library

Link zum Konferenzprogramm:
http://www.upplysing.is/displayer.asp?Page=460&p=ASP\Pg460.asp

Beitrag von Andreas Mittrowann

Ein Gedanke zu “Isländische Bibliothekskonferenz 2012

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