Bibliotheken und der Bildungserfolg

Heute mal etwas aus Deutschland: Die FAZ berichtet in ihrer Ausgabe vom 4. März auf Seite 8 mit der Überschrift „Verloren in Übergangssystemen“ über Nihat Sorgec, den Leiter eines Bildungswerkes in Berlin-Kreuzberg. Im Zentrum des Artikels steht die Frage: Woran liegt es eigentlich, dass es so viele „Bildungsverlierer“ in Deutschland mit Zuwanderungsgeschichte gibt? Und wie ließe sich das ändern?

Ganz sicher gehört dazu das Beherrschen der deutschen Sprache und als einen entscheidenden Erfolgsfaktor in seiner persönlichen Geschichte beschreibt Nihat Sorgec in diesem Zusammenhang den Gang in die lokale Stadtteilbücherei, nachdem er den Deutschunterricht in seiner „Ausländerklasse“ als „unterirdisch“ erlebt hatte: „Er ging schließlich in die Stadtteilbücherei, fand die ordentlich nach Altersgruppen sortierte Kinderabteilung und las sich dort einsam von den Büchern für die ABC-Schützen bis schließlich zu den Jugendbüchern durch. Danach konnte er Deutsch.“ Ein sehr lesenswerter Artikel von Regina Mönch.

Zu Nihat Sorgec siehe auch: http://www.aufstieg-durch-bildung.info/de/522.php

Beitrag von Andreas Mittrowann

2 Gedanken zu “Bibliotheken und der Bildungserfolg

  1. Ich schätze die Autorin Mönch im Allgemeinen, zu Recht wird in globolibro auf den speziellen Artikel verwiesen. Eine Anmerkung verdient Ihr Hinweis auf deutsche Sprachkenntnisse. Bei der Konferenz ‚Chancen 2010‘ habe ich den Hinweis an Herrn Hapel, dass in Essen das „Beherrschen der deutschen Sprache“ essentiell sei, nicht gehört. Die Einführung einer speziellen Zuwanderungsklausel für high potentials war so erfolglos, dass man statistisch etwa einen Klumpen in Jülich erkennen kann. Sie empfehlen der Leitung der ZB einer wissenschaftlichen Einrichtung dort auch, ihren Kunden das „Beherrschen der deutschen Sprache“ abzufordern? Sie glauben, dass einem aus Shenzhen eingereisten Unternehmensvertreter, der bei einer auf M & A spezialisierten international law firm vielleicht in Hamburg oder Düsseldorf letzte Hand an einen Vertrag zur Übernahme einer deutschen Firma anlegen will, der Hinweis auf das „Beherrschen der deutschen Sprache“ gefallen wird? Es scheint also abhängig vom sozialen Kontext: der eine hat die Pflicht, mehr als Deutsch zu können; der andere die Pflicht, Deutsch zu können. Letzere Forderung wird an eine Bevölkerungsgruppe vorgetragen „mit Migrationshintergrund“ – 19% der Bevölkerung der Bundesrepublik. 10% deutsche Staatsbürger; 9% Ausländer. Es herrscht der Verdacht, dass diese etwas nicht können; es gilt, dass diese sich zu integrieren haben. Nun, nur eine lunatic left oder 80er Jahre Multikulturalisten (bibliothekarisch sehr stark vetreten, ohne dass dies offen problematisiert wird) können die Bedeutung der Beherrschung der deutschen Sprache verdrängen. Kommunikation ist der Kern der Demokratie; dies erfordert Verständigung in einer gemeinsamen Sprache. Andere mögen deren Bedeutung für eine volle Teilnahme am gesellschaftlichen (insbesondere Berufs-) Leben betonen. Deutsch ja/nein ist gar nicht das Problem. Es geht um Sprachförderung in heterogenen Lerngruppen im Elementar- und Grundschulbereich, wobei die Heterogenität aus unterschiedlicher kultureller Herkunft, vielfach aber mehr noch aus unterschiedlichen sozialen Lebenslagen herrührt. Damit muss man umgehen. Akzeptierte Lösungsvorschläge haben etwa Titel wie bei http://www.blk-foermig.uni-hamburg.de/web/de/all/home/index.html (2009 abgeschlossen): durchgängige Sprachförderung. Oder auch Kommunale Bildungs-/Lernlandschaften. Es gilt dabei, Übergänge (von Kita zu Schule zu Ausbildung zu Hochschule) zu meistern, die Einbeziehung der Eltern, fördernder Paten, außerschulischer Einrichtungen (Bibliotheken!). (Ich renne damit bei globolibro offene Türen ein.) Konzentriert man sich aber in bibliothekarischen Gremien angemessen auf Fragen dieser Art? Oder redet man dort nicht gerne über „kulturelle Identität“? Die Seite ‚Interkulturelle Bibliothek‘ hat einen Schwerpunkt Leseförderung bei Kindern und Jugendlichen. Diese differente migrantische Gruppe gibt es tatsächlich? Oder reden wir über eine Leseförderung, die eigentlich alle Kinder betrifft, nur auf innere Heteregonität in der Lerngruppe einzugehen hätte? Also schlicht in den Bereich der Kommission Kinder- und Jugendbibliotheken gehört? Wenn ich oben von einem Schwerpunkt gesprochen habe, der sich auf der Seite ‚Interkulturelle Bibliothek‘ findet, ist das noch recht gelinde gesagt. Sehen wir uns kontrastiv vielleicht einmal eine der besten Seiten zum Thema an: http://www.migration-boell.de/ Man ahnt dann, welche Gruppen von Migranten, welche Themen bibliothekarisch nicht in den Blick kommen. Bei Böll findet sich auch ein DOSSIER ‚Herkunft als Schicksal? Hürdenlauf zur Inklusion‘. Die Überschriften der meist Bildung theamtisierenden Kapitel lauten: Herkunft als Barriere, Bildung als Hürdenlauf, Hürden über Hürden. Ich denke nicht, dass man Hürden überwindet, indem man eine wohlfeile Hürde „Beherrschen der deutschen Sprache“ aufrichtet.

  2. Danke für diesen differenzierten, hilfreichen und gedanklich anregenden Kommentar, Herr Schaper! Ich sehe das Thema „Beherrschen der Sprache“ nicht als Hürde, sondern eher als einen unter mehreren Erfolgsfaktoren – über Ihre Hinweise möchte ich nachdenken und freue mich über das „Gedankenfutter“.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s