Eine neue Strategie für Irlands Öffentliche Bibliotheken

Das irische Ministerium für Entwicklung im kommunalen und ländlichen Raum sowie das Entwicklungskomitee für Bibliotheken der Local Government Management Agency bereiten aktuell einen neuen Strategieplan für Irlands Öffentliche Bibliotheken für den Zeitraum 2018 bis 2022 vor.

Auch hier steht – ähnlich wie im US-amerikanischen Projekt „Libraries Transform“ – der Begriff der „Transformation“ im Vordergrund, denn auch in Irland wandeln sich Bibliotheken immer stärker von „Ausleihstationen“ hin zu Orten der Kommunikation, Begegnung und des Lernens und damit zu lebendigen Zentren jeder Stadt und Gemeinde. Entsprechend heißt es gleich zu Beginn des Dokumentes:

„The ambition of this five-year strategy is to transform libraries so that every community in Ireland has access to an attractive, vibrant, multi-functional library service. Libraries will be mainstream centres for information, learning, local culture and community“.

Konkret sind dabei unter anderem die Verdoppelung der Nutzer („active membership“) von 15 auf 30 Prozent der Bevölkerung, die Beseitigung von Zugangsbarrieren inklusive der Abschaffung von Ausweis- und Mahngebühren (!), die umfassende Wandlung der Gebäude hin zu attraktiven Orten, die deutliche Erhöhung der Etats sowie eine nationale und lokale Marketingkampagne geplant. Botschaft: Es lohnt sich für jede Kommune, in Bibliotheken zu investieren!

Zur Erreichung der Ziele sind drei große Strategieprogramme vorgesehen, nämlich „Lesen und Leseförderung“, „Lernen und Information“ sowie „Gemeinschaft und Kultur“. Fünf „Key Actions“ bilden dabei die Hebel, um die Strategieprogramme mit Leben zu füllen:

  • Infrastruktur und Servicebereitstellung
  • Entwicklung des Bibliotheksteams
  • Promotion und Marketing
  • Bestände
  • Finanzierung

Eine übersichtliche und einprägsame Grafik auf Seite 9 des Entwurfs zeigt die wesentlichen Bausteine des Projektes. Kritisch darf vielleicht angemerkt werden, dass Begriffe aus der aktuellen Diskussion um öffentliche Bibliotheken wie „Gamification“, „Makerspaces“ oder „Design Thinking“ keine Rolle spielen. Die Entwicklung innovativer, kundengerechter Angebote gemeinsam mit den Bürger*innen hätte vielleicht eine weitere „Key Action“ verdient. Schön ist es daher, dass im Strategieprogramm „Community and Culture“ das Ziel formuliert wird: „Support connected, informed communities and promote civic participation.“

Sollte das Programm wie geplant zum Tragen kommen, darf man Irland beglückwünschen zu einem großen Schritt mit den richtigen Prioritäten für Bibliotheken im 21. Jahrhundert.

Der als „vertraulich“ markierte Entwurf ist öffentlich einsehbar unter: http://bit.ly/2FOChzT

Beitrag von Andreas Mittrowann

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Auch in Australien: Bibliotheksfiliale ohne Bücher

Nach der Eröffnung neuer, rein digitaler Zweigstellen in San Antonio und Omaha wird jetzt im australischen Port Philip eine bereits bestehende Bibliotheksfiliale im Stadtteil Middle Park im gleichen Sinne neu ausgerichtet. Die noch vorhandenen Bücher werden in eine andere Zweigstelle gebracht. Der neue Fokus in Middle Park lautet gemäß einem Ratsbeschluss „Kreatives und kollaboratives Lernumfeld“ und wird sich insbesondere an 18 bis 25jährige, junge Erwachsene richten. Bei Middle Park handelt es sich um die kleinste der sechs Zweigstellen in der Kommune mit rund 91.000 Einwohnern. Port Phillip gehört zur Metropole Melbourne, der Hauptstadt des Bundesstaates Victoria.

Die Buchausleihe in Middle Park und die Zahl der Besucher waren seit dem Jahr 2006 um 50 Prozent gesunken. Eigentlich ist die Lage der kleinen Bibliothek recht günstig, denn im gleichen Gebäudekomplex befinden sich auch Eltern-Kind-Räume, ein Kindergarten sowie eine Spielgzeugbibliothek. Bürgermeisterin Bernadene Voss zur neuen Ausrichtung: „Der Hauptfokus einer transformierten Middle Park Bibliothek ist es, den Nutzern mehr Zugang zu digitalen Ressourcen, Multimedia-Geräten und kreativen Softwarepaketen in einem neuen kollaborativen Arbeitsbereich zu ermöglichen“.

In Zeiten des Umbruchs formiert sich gegen Pläne wie den in Port Phillip auch Widerstand – so hat sich eine Bürgerinitiative gegründet, die gegen die neue Strategie kämpft: https://youtu.be/gdOxsx84nM8.

Link: http://www.heraldsun.com.au/news/special-features/news-in-education/the-library-with-no-books-as-port-phillip-council-votes-for-digital-space/news-story/c1a743920d2950add795164c5db1a193

Beitrag von Andreas Mittrowann

Mehr Raum, mehr Licht, mehr Interaktion: neue Bibliotheksfilialen in Boston und Philadelphia

Das Finanzierungssystem öffentlicher Bibliotheken in den USA unterscheidet sich grundlegend vom dem in Deutschland – durch Abstimmungen der Bürger*innen über eine entsprechende Erhöhung der Grundsteuer können insbesondere in Großstädten oft Renovierungsumfänge und -zyklen realisiert werden, die aus europäischer Sicht eher ungewöhnlich sind. Ende der 90er Jahre besuchte ich mit einem Team eine Reihe von Zweigstellen im King County im Staat Washington. Bei einer der Filialen hieß es dann bei der Ankunft „This is our oldest one“. „How old is it?“ fragten wir. „Already seven years old“, so die Antwort.

Typisch für die USA sind daher immer wieder großangelegte Renovierungsprojekte in diesem Bereich, so auch momentan in Boston und Phildadelphia. Aktuell wird beispielsweise die Dudley Branch der Boston Public Library für 14,7 Mio. US-Dollar renoviert. Eine  offene und transparente Innenraumgestaltung mit mehr Möglichkeiten für die menschliche Interaktion soll die brutalistische Archtektur der späten 70er Jahre ablösen. Kernelemente werden ein Ernährungslabor, ein Multifunktionsraum mit audiovisueller Technologie sowie eine afrikanisch-amerikanische Mediensammlung sein: https://www.bostonglobe.com/metro/2017/10/21/dudley-library-branch-kicks-off-million-renovation/4seOgwCuvDIHcTgGQhP96N/story.html

Eine ähnliche Ausrichtung mit einem noch deutlich größeren Umfang hat die Renovierung von vier Zweigstellen in Philadelphia. Hier wird die Notwendigkeit einer grundlegenden Neupositionierung des Bibliothekssystems besonders deutlich bei einem Blick auf die Besucherzahlen: Diese sind von 13,8 Millionen im Jahr 2014 auf knapp zehn Millionen im Jahr 2017 gesunken. Was tun? Neben Maßnahmen zur Verbesserung der Barrierefreiheit gehört es zu den grundlegenden Zielsetzungen der Renovierung, die Transformation von einer Ausleihstation hin zu einem Treffpunkt in der Kommune zu gestalten. Auch hat man sich bei der Innenraumgestaltung stark an Firmen wie Apple oder  der Optikerkette Warby Parker orientiert. Ergebnis: Die neuen Filialen sollen eher Raumerlebnisse bieten und als„Clubhäuser“ fungieren. Zu den konkreten Maßnahmen im Zuge der Umgestaltung gehörten:

  • Stringente Anwendung der Prinzipien des Universal Design (http://universaldesign.ie/What-is-Universal-Design);
  • Schaffung einer Wohnzimmeratmosphäre durch Sitzgruppen und -ecken mit Cafeteria-Tischen;
  • leuchtende Farben;
  • Mehr Studien- und Gruppenräume;
  • Deutliche Reduzierung der Bestände und Regale;
  • Verlegung der Eingänge und Einsatz von mehr Fenstern und Glaselementen;
  • Einführung von Selbstverbuchung und Abschaffung der Ausleihtheken;
  • Verstärkung der Programmaktivitäten, bspw. Filmnächte, Gaming, Englischklassen für Menschen mit Zuwanderungsgeschichte.

Der finanzielle Aufwand für die Renovierung lag bei 28 Mio. Dollar, von denen 15 Mio. von der William Penn Foundation übernommen wurden. Bibliotheksdirektorin Siobhan Reardon – die im vorvergangenen Jahr die Auszeichnung „Librarian of the Year“ erhielt – zeigt sich sehr zufrieden mit den ersten Erfolgen. So konnte die im vergangenen Jahr nach der Renovierung neu eröffnete South Philadelphia Branch ihre Besucherzahl vervierfachen, auch durch die Kombination mit einem Gesundheitscenter. Die Zentrale der Free Philadelphia Public Library hat bereits im Jahr 2014 durch die Neueröffnung eines  Kochzentrums von sich reden gemacht.

http://www.philly.com/philly/columnists/inga_saffron/philly-free-library-modernizes-branches-elevators-reading-rooms-20171122.html

 

Beitrag von Andreas Mittrowann

Mini-Porträt: Die Skokie Public Library stellt sich dem Wandel 

Nordöstlich von Chicago in den USA befindet sich die Stadt Skokie mit rund 67.000 Einwohnern, die seit den 1950er Jahren besonders von Zuzügen aus Chicago profitiert. Die Stadtbibliothek vor Ort wurde 1929 gegründet. 2003 erhielt die frühere Leiterin Carolyn Anthony die Auszeichnung „Bibliothekarin des Jahres“ der Illinois Library Association, 2013 bis 2014 wurde sie zur Präsidentin der Public Library Association gewählt. 2014 zählte die Bibliothek mit 5 Sternen zur Spitzengruppe im nationalen Bibliotheksranking.

So weit, so gut. Besonders interessant wird es allerdings, wenn wir einen Blick auf die Mitarbeiterseite im Internet werfen, denn hier zeigt sich, wie offen und innovativ die Bibliothek mit dem Wandel umgeht. Auf der Seite http://bit.ly/2gcvJwp lernen wir, dass die Bibliothek unter anderem über eine „Communications and Marketing Managerin“, eine „Community Engagement Managerin“, einen „Learning Experiences Manager“ sowie einen „Virtual Community Engagement Manager“ verfügt. Dass dies nicht einfach nur leere Worthülsen sind, sondern klare Indizien für eine zukunftsgerichtete Aufstellung, zeigt auch das Blog der Bibliothek. Dort stehen neben dem Bestand vor allen Dingen die Programmarbeit und die Zielgruppen im Vordergrund: Neben Veranstaltungen zu Inklusion und Migration finden wir Programme zu Online-Ressourcen und zu STEAM (Science, Technology, Engineering, Arts & Design) oder Events im Bereich „BOOMBox“, einer neuartigen, interaktiven Zone in der Bibliothek. Und natürlich fehlen auch klassische Aktivitäten wie ein Sommerleseclub nicht. Für ihr Engagement in der Programmarbeit und damit einem der wichtigsten zukünftigen Bereiche in der Bibliotheksarbeit erhielt die Bibliothek 2016 den ALA Excellence in Library Programming Award.

Der verstärkte Fokus hin zur Kommune und den in ihr lebenden Menschen, der sich in der Bezeichnung „Community Manager“ ausdrückt, macht vor dem Hintergrund der zurückgehenden (nicht: verschwindenden) Bedeutung des Bestandes besonders viel Sinn, wenn man sich die Ergebnisse der australischen Studie „Victorian Public Libraries: Our Future, Our Skills“ vergegenwärtigt. Dort wurden 2013 mehr als 1400 Bibliotheksmitarbeiterinnen des Public Libraries Victoria Network zu ihren erforderlichen zukünftigen Kompetenzen interviewt. Befragt nach der wichtigsten professionellen Fähigkeit in fünf Jahren, platzierten die meisten Mitarbeiterinnen das Thema „Community needs analysis“ auf Platz eins, direkt gefolgt von „Community engagement“ auf Platz 2 mit mehr als 60 Prozent Zustimmung der Mitarbeiter*innen und knapp 90 Prozent Zustimmung der Leiter*innen.

Auch hinter dem Thema „Marketing“ verbirgt sich ein ernsthafter Anspruch seitens der Skokie Public Library: So berichtet die Professorin Lisa Hinchcliffe auf Twitter, dass die Bibliothek bereits seit 2006 ihre Kundenbindung mit Direct Mailings stärkt und dieses Werkzeug bereits früh den Erfordernissen der Smartphone-Ära angepasst hat – so werden aktuell bis zu 70 Prozent der Mailings auf mobilen Geräten geöffnet.

Link: http://bit.ly/2ify7qv
Link: https://skokielibrary.info

Beitrag von Andreas Mittrowann

Die Bibliothek als Labor

In einer zunehmend komplexer werdenden Welt gibt es im Zuge der Digitalisierung viele Entwicklungen, die nur die wenigsten Bürger noch überschauen können. Nimmt man den Auftrag der Bibliothek als Wissenvermittlerin ernst, kann man aus dieser Situation eine Vielfalt von Angeboten ableiten. Die State Library of Queensland in Australien präsentiert jedes Jahr einen inhaltlichen Schwerpunkt für die Bürger*innen und hat sich in diesem Jahr für das Thema „Digitale Zukunft“ entschieden. Dazu gehört als besonderer Schwerpunkt auch ein „Digitales Zukunftslabor 2.0“. Zu seinen Bestandteilen zählen eine interaktive Ausstellung, digitale Games, Mode von morgen und tragbare Technologie, ein Drohnensimulator sowie viele weitere Möglichkeiten speziell für Familien und Kinder: http://www.slq.qld.gov.au/whats-on/events/digital-futures

Damit steht die Bibliothek in Queensland für einen weltweiten Trend: Die Bibliothek als Labor. Die kanadische Vancouver Public Library nennt es „Inspirational Lab“ mit der Möglichkeit zu digitalen Tonaufnahmen, Digitalisierung oder E-Book-Erstellung: https://www.vpl.ca/inspirationlab. Die Madison Public Library in Wisconsin (USA) nennt ihr Labor „Bubbler“ und dort beinhaltet es Möglichkeiten für Trickfilmanimationen, 3D-Design, Videoerstellung mit „Green Screens“ und grafischem Design: http://madisonbubbler.org/media-lab/.

Da ist es eine tolle Nachricht, dass auch die Düsseldorfer Stadtbüchereien nun ihr eigenen „Library Lab“ eröffnen werden. Hier umfasst die Palette unter anderem Virtual Reality, Gaming, Digitales Leben, 3D-Druck und die weiteren Online-Angebote der Bibliothek. Der Start wird natürlich mit einer vielseitigen Eröffnungswoche gefeiert, die am 14. Oktober um 11:00 Uhr beginnt – alle Interessierten sind herzlich eingeladen!

Link: https://www.duesseldorf.de/stadtbuechereien/bibliotheken/librarylab.html

Beitrag von Andreas Mittrowann

Die „Filia Nr. 12“ – eine neue Zweigstelle der Stadtbibliothek Wrocław (PL)

Das heutige Wrocław mit seinen über 600.000 Einwohnern präsentierte sich im Rahmen des diesjährigen Weltkongresses der Bibliotheken vom 19. bis zum 25. August als freundliche, offene Stadt mit einer gelungenen Mischung aus historischer Altbausubstanz und modernen architektonischen Kontrapunkten. Die positiven Auswirkungen aus der letztjährigen Rolle als „Kulturhauptstadt“ waren noch deutlich positiv spürbar.

Im Rahmen des Kongresses hatte ich die Möglichkeit, die im Mai 2017 im zweiten Stockwerk des Breslauer Hauptbahnhofes eröffnete neue Zweigstelle der Stadtbibliothek zu besuchen. Die Filiale umfasst 580 qm und verfolgt das Ziel, Reisende und Pendler direkt an einem der wichtigsten Verkehrsknotenpunkte mit Medien, Literatur und Informationen zu versorgen. Die Innenraumgestaltung folgt diese Zielsetzung konsequent und präsentiert sich als „Dritter Ort“ im Zentrum der Stadt mit bequemen Sofas, Loungemöbeln, Arbeitsplätze und Nischen, um mitten im urbanen Leben einen Platz für Konzentration, Lernen und Entspannung zu schaffen. Eine große Uhr hinter der Verbuchungstheke steht einerseits als Symbol für den Bahnhof und seine Betriebsamkeit, andererseits aber durch ihren Stillstand für den selbstgewählten Moment der Ruhe. Auch die Bezeichnung der Räume verfolgt den Gedanken des zweiten Zuhauses durch seine Bezeichnungen wie „Diele“, „Küche“ oder  „Wohnzimmer“.

Es war schön zu sehen, dass die Stadtbibliothek und die Kommune den mit der Jugendbibliothek „Mediateka“ im Jahr 2004 gemeinsam mit der Bertelsmann Stiftung begonnenen Prozess einer zielgruppenorientierten Raumgestaltung fortgesetzt haben.

Persönliche Fotos finden Sie hier: https://flickr.com/photos/67365955@N02/sets/72157685656850823

Beitrag von Andreas Mittrowann

Cortana, kannst Du Kunden beraten? Künstliche Intelligenz und Bibliotheken (3)

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Von Benutzer:iToms – Eigenes Werk, PD-Schöpfungshöhe, https://de.wikipedia.org/w/index.php?curid=8865353

In dieser Folge unserer kleinen Sommerreihe wollen wir uns mit ein paar der bereits heute bestehenden Möglichkeiten zum Einsatz Künstlicher Intelligenz beschäftigen. Ein wichtiges Beispiel sind dabei die Möglichkeiten, die sich im Empfangsbereich der Bibliothek und bei einfachen Auskünften bieten. Die bibliothekarische Information hat sich in den letzten Jahren bereits auf vielfältige Weise diversifiziert und um Möglichkeiten wie Auskunft per Mail, Chat oder WhatsApp erweitert. Bibliotheken und Hotels lassen sich nicht direkt vergleichen, verfügen aber beide über eine „Empfangssituation“,  in der sich durchaus einfache Auskünfte (zum Beispiel die in manchen Häusern aufgrund der baulichen Situation häufige Frage nach den Toiletten) oder Standardvorgänge wie die Anmeldung auch auf andere Weise erledigen lassen. Japan ist hier ganz klar in der Vorreiterrolle, denn dort nimmt die Zahl der Hotels mit Robotern am Empfang deutlich zu. Zimmerbuchung, Einchecken und einfache Auskünfte werden dort bereits auf diese Weise erledigt. In Deutschland testet unter anderem bereits die Bibliothek der FH Wildau einen Roboter für diesen Einsatzzweck. Philip Calvert von der School of Information Management an der Victoria University in Wellington / Neuseeland fasst das Thema in seinem Beitrag „Robots, the Quiet Workers, Are you Ready to Take Over“ zusammen (Public Library Quarterly, 2017/2).

Eine weitere Variante der computergestützte Information sind die sogenannten „Chatbots“: Algorithmen, die durch Zugriff auf riesige Datenbibliotheken in der Lage sind, Vorgänge im direkten Austausch mit dem User zu erledigen. Dabei kann es sich um eine Flugbuchung, eine Pizzabestellung oder eben um eine Auskunft im Zusammenhang mit Bibliotheksservices handeln – von der Öffnungszeit über die Buchung eines Raums bin hin zu einfachen Sachauskünften. In China ist dies im Alltag bereits über die App „WeChat“ auf vielfältige Weise möglich, beispielsweise die Änderung von Bankdaten. Einige Experten sagen bereits das Aussterben von Apps und Websites zugunsten von ChatApps voraus.

Natürlich können Fehler der Maschinen bei diesen Auskunftsformen nie ausgeschlossen werden. Yuval Noah Harari bringt in seinem aktuellen Buch „Homo Deus – A brief history of tomorrow“ allerdings ein Gegenbeispiel aus der Welt der Apotheken: „In 2011 a pharmacy opened in San Francisco manned by a single robot. When a human comes to the pharmacy, within seconds the robot receives all of the customer’s prescriptions, as well as detailed information about other medicines taken by them, and their suspected allergies. The robot makes sure the new prescriptions don’t combine adverselynith any other medicine or allergy, and then provides the customer with the required drug. In its first year of operation the robotic pharmacist provided 2 million prescriptions, without making a single mistake. On average, flesh-and-blood pharmacists get wrong 1.7 per cent of prescriptions. In the United States alone this amounts to more than 50 million prescription errors every year!“

Was sagt uns das alles für die Zukunft der Bibliotheken? Meine Einschätzung: Wenn Technologie auch im Bereich der Auskunft und Information eine immer stärkere Rolle einnehmen wird, spielt der Kontakt von Mensch zu Mensch eine umso größere Rolle. So wie wir erleben, dass gedruckte Bücher und echte, physische Räume für viele Bibliotheksbesucher eine immer noch oder erneut wichtige Rolle in einer zunehmend digitalisierten Welt spielen, so werden wir insbesondere bei der Auskunft sehen, dass menschlicher Austausch ein geschätztes und besonderes Gut bleiben wird – dies zeigt beispielsweise die Allensbach-Umfrage zur Zukunft der Bibliotheken, bei der „Gute fachliche Beratung, geschultes Personal“ auf Platz 3 bei den wichtigsten Erwartungen an Bibliotheken landeten (S. 11, Schaubild 4). Den Auskunfts-Alltag aber erledigen in Zukunft stärker als heute Chatbots und Roboter.

Beitrag von Andreas Mittrowann

 

 

Siri, wie hoch ist der Eiffelturm? Künstliche Intelligenz und Bibliotheken (2)

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Foto: Von Apple – Eigenes Werk, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=28766033

Wenn wir uns vorstellen, dass Roboter und Künstliche Intelligenz in vielleicht zehn Jahren bereits wesentliche Teile unsere Lebens durchdrungen haben oder sogar bestimmen werden, welche Rolle kommt dann noch Bibliotheken zu? Kristin Whitehair – die Bibliothekarin für E-Ressourcen an der Johnson County Library in Kansas (USA) – hat in einem Fachbeitrag vom vergangenen Jahr ausgeführt, dass viele Alltagsfragen natürlich bereits jetzt von digitalen Assistenten beantwortet werden. So ist es kein Problem für „Siri“ vom Apple-Konzern, eine direkte Antwort auf die Frage nach der Höhe des Eiffelturms zu geben. Früher waren dafür das heimische Brockhaus-Lexikon oder der Gang in die Stadtbibliothek unabdingbar. Gründe sind unter anderem die deutlichen Fortschritte der vergangenen Jahre bei der Anwendung natürlicher Sprache, Mustererkennung und dem Aufbau komplexer Expertensysteme.

Die Renaissance des Raums in vielen Bibliotheken und die gestiegene Bedeutung als Dritter Ort machen ganz klar deutlich, dass die Beantwortung von Sachfragen auch nicht der künftige Fokus der bibliothekarischen Mission sein wird – entscheidend werden die Verbindungen zwischen den Menschen sein, so führt Whitehair aus : „(…) what is lacking is the human connection. Inherent in AI’s name is that the intelligence is artificial, not human. Libraries can connect people to information and, more importantly, to other people. A book group connects patrons with a similar interest. Hobby groups act similarly. We see these connections being made daily in public libraries.

Fast noch spannender sind natürlich die Jahre und Entwicklungen, die direkt vor uns liegen. In dieser Zeit wird es zu vielfältigen Formen der engen Zusammenarbeit von Menschen und Künstlicher Intelligenz kommen, so Tolga Kurtoglu – der Geschäftsführer von PARC (früher XEROX PARC) – in einem kürzlich geführt Interview mit der Website „recode“. Seine Firma arbeitet bereits in verschiedenen Projekten an diesen neuen Formen der Interaktion. Erfolgskritisch sei dabei, dass der Mensch an die KI nicht nur Fragen oder Befehle richte, sondern diese auch Rückfragen stelle oder selbst Vorschläge mache. Im Bibliotheksbereich könnten wir uns beispielsweise den Hinweis auf eine besonders effektive Recherche-Strategie vorstellen. Ein spezielles Kapitel in dieser Zusammenarbeit sei das Vertrauen, so Kurtoglu: „At some point, there is going to be a huge issue with people really taking the answers that the computers are suggesting to them without questioning them,” so Kurtoglu. “So this notion of trust between the AI agents and humans is at the heart of the technology we’re working on. We’re trying to build trustable AI systems.“

Diese Bemerkung wiederum weist auch auf die großen Aufgabenstellungen hin, die im Zusammenhang mit Big Data und Datensicherheit auf alle Beteiligten zukommen. Wer beispielsweise das Echo-System der Firma Amazon mit der digitalen Assistentin „Alexa“ sein Eigen nennt, dem wird hoffentlich bekannt sein, dass alle Suchanfragen sorgfältig gespeichert werden und manuell gelöscht werden müssen, falls man Alexa am (theoretischen) Ende der Nutzung in die digitale Demenz schicken möchte…

Was digitale Assistentinnen und Künstliche Intelligenzen heute bereits steuern und beeinflussen, erfahren Sie im nächsten Teil unserer Serie.

Beitrag von Andreas Mittrowann

Siehe auch: https://globolibro.wordpress.com/2017/07/22/alexa-uebernehmen-sie-kuenstliche-intelligenz-und-bibliotheken-1/

Alexa, übernehmen Sie!? Künstliche Intelligenz und Bibliotheken (1)

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Foto: (C) Guillermo Fernandes, Public Domain Mark 1.0, http://bit.ly/2eLjY2F

Die Chicago Public Library hat in den Fokus ihres Veranstaltungsformates „Tomorrow’s Technology Today Panel“ das Thema Innovation gestellt, dazu gehören unter anderem auch Facetten wie Virtuelle Realität und Künstliche Intelligenz. Am 12. Juli trafen unter dieser Überschrift Chris Hammond von Narrative Science, Julie Freedman Steele von der World Future Society und Shelley Stern Grach von Microsoft zusammen. In Zusammenhang mit dem Diskussionspanel fand auch eine interaktive Ausstellung mit 3D-Druckern, Headsets, Drohnen und vielen anderen neuen Technologien statt. Die Verknüpfung dieser Formate und das Oberthema sind ein gutes Beispiel dafür, wie eine Bibliothek sich diesen Toptrends der digitalen Welt nähern kann. In Deutschland ist sicher die Stadtbibliothek Köln das herausragende Beispiel für die Auseinandersetzung mit solchen Inhalten – so unter anderem geschehen in der jüngst durchgeführten Veranstaltung „Robotik und Künstliche Intelligenz“.

Wie aber steht es mit dem anstehenden Einsatz von Künstlicher Intelligenz in der bibliothekarischen Basisarbeit? Sind Bibliotheken in dieser nächsten großen Welle der Digitalisierung noch einmal stärker bedroht als durch die technologischen Entwicklungen der letzten Jahre? Sind sie überhaupt bedroht oder kann diese Herausforderung als Chance für ein sinnvolles Fortschreiben des Paradigmenwandels in Bibliotheken genutzt werden? In einer kleinen Reihe in Globolibro (Gastbeiträge willkommen!) wollen wir uns diesem Thema widmen.

Zu Beginn ein wenig Theorie und ein erster Input aus Indien: Die Fachkollegin Dr. Shivaranjini S. Mogali hat bereits vor zwei Jahren auf der Konferenz „Information Technology – Yesterday, Today, and Tomorrow“ im Delhi einen instruktiven Vortrag zum  Thema „Artificial Intelligence and its Applications in Libraries“ gehalten. Darin skizziert sie unter anderem neben der Strukturierung von KI in die drei Felder Expertensysteme, Natürliche Sprachverarbeitung und Mustererkennung diverse Anwendungsmöglichkeiten in Bibliotheken. Dazu zählen zunächst einmal die klassisch bibliothekarischen Felder Auskunftsdienst, Katalogisierung, Systematisierung und Indexierung. In allen Bereichen existieren bereits erste, von ihr im Aufsatz beschriebene Anwendungen, die auf lange Sicht voraussichtlich mehr und mehr Arbeitsanteile vom Menschen übernehmen werden.

Dabei ist der Auskunftsdienst sicher eine besonders spannende Komponente, denn kann der „menschliche Touch“ bei der Beratung überhaupt durch ein Expertensystem ersetzt werden? Welche Rolle spielt beispielsweise die Intuition des Beratenden bei einem Kundengespräch, wenn es dabei um lebensbedrohende Krankheiten in Verbindung mit Medien zum Thema Freitod geht? Bibliothekar*innen sind keine Therapeuten, aber sie können menschliche Verbindungen herstellen. Muss eine digitale Assistentin wie Alexa von Amazon – auch noch einmal technologisch fünf Jahre weitergedacht – in solchen Situationen nicht kläglich versagen? An dieser Stelle öffnet sich ein breites Feld mit ethischen Fragen, die nicht leicht zu beantworten sind….  Es bleibt spannend für Bibliotheken!

Weiter geht es demnächst mit Beispielen aus den USA und den Niederlanden.

Beitrag von Andreas Mittrowann

Partizipation in den USA: Wie Bibliotheken Bürger*innen einbeziehen

Es ist immer wieder erstaunlich, wie selten Bürgerinnen und Bürger in strategische Planungen oder die Schaffung neuer Services in der Bibliothek einbezogen werden. Gerade vor dem Hintergrund der extremen Dynamik in der digitalen Welt erscheint es mehr denn je notwendig, die „Weisheit der Vielen“ für die Bibliotheksentwicklung zu nutzen.

Drei aktuelle Beispiele aus den USA zeigen, wie es auch bereits im kleinen Maßstab gehen kann:

  • Die Peter White Public Library in Marquette (rund 20.000 Einwohner, Michigan) hat mit der Aktualisierung ihres Strategieplans begonnen und rief die Bürger*innen zur Mitgestaltung im Rahmen von drei Fokusgruppen-Sessions im Juni auf. Interessierte konnten sich über die Website der Bibliothek und eine Telefonnummer informieren. Als positives Ergebnis einer entsprechenden Initiative zum Strategieplan des Jahres 2006 wird die erfolgreiche Erweiterung der Services für Teenager in den Bereichen Medien, Personal und Einrichtung genannt.
  • Die Beverly Public Library (rund 40.000. Einwohner, Massachusetts) hat einen anderen Weg gewählt: Sie nutzt als Beteiligungsinstrument eine Online-Befragung der Einwohner*innen. Die Fragen umfassen dabei unter anderem die Häufigkeit der Bibliotheksbesuche, die typischen Nutzungsformen, Gründe für die Nichtnutzung,  Bibliotheksbesuche durch eigene Kinder, die Bewertung der digitalen Dienste der Bibliothek oder die Auffindbarkeit einzelner Dienstleistungen und Bereiche.
  • Schließlich bildet die Haywood County Library in North Carolina (rund 60.000 Einwohner im County) ein drittes, interessantes Beispiel für Beteiligungsprozesse. Dort wurden umfassende Renovierungs- und Erneuerungsmaßnahmen im Wert von 6 Mio. US-Dollar vom Gemeinderat abgelehnt. County Manager Ira Dove will aber nicht aufgeben und stattdessen einen strategischen Bibliotheksplan mit Bürgerbeteiligung auf den Weg bringen, um das Projekt doch noch zum Erfolg zu führen. Grundlage dafür soll unter anderem eine Bürgerbefragung aus dem vergangenen Jahr sein. Auf den ersten fünf Plätzen der Einwohner*innen standen demnach ein größerer Medienbestand (54 Prozent), erweiterte Öffnungszeiten (42 Prozent), mehr Veranstaltungen für Erwachsene (27 Prozent), zusätzliche Flächen zur stillen Nutzung und zum Lernen (25 Prozent) und eine bessere technologische Ausstattung. Auch in Haywood waren die Bürger*innen eingeladen, im Rahmen öffentlicher Veranstaltungen Input zum aktuellen Stand des strategischen Plans zu geben und somit gemeinsam eine bürgernähere Bibliothek zu gestalten.

Natürlich sind das nur einige wenige Ausschnitte aus einer Vielzahl von Möglichkeiten, unter denen aktuell das Design Thinking for Libraries eine vermehrte Beachtung erfahren hat.

Links und Nachweise:
http://www.upmatters.com/news/local-news/peter-white-public-library-strategic-planning-focus-group-sessions/732942788

https://patch.com/massachusetts/beverly/beverly-library-surveys-residents-strategic-plan

http://beverlypubliclibrary.org/survey/

https://www.surveymonkey.com/r/HR2RN3D

http://www.smokymountainnews.com/media/pdf/HCPLStrategic.pdf

http://www.smokymountainnews.com/news/item/20146-public-input-will-guide-library-s-renovation

Beitrag von Andreas Mittrowann