Und immer wieder Holland…

Die Kolleginnen und Kollegen in den Niederlanden haben sich in den letzten Jahren gemeinsam mit den Dänen an die europäische Spitze bei innovativen Konzepten und herausragenden Bibliotheksbauten gesetzt. Ein Bericht des Kultursenders Arte vom 20. Juli in der Sendereihe Metropolis stellte unter anderem das Architekturbüro Neutelings & Riedijk vor, die für zwei neue Kulturzentren und die darin integrierten öffentlichen Bibliotheken in Arnheim und Amersfoort verantwortlich sind. Zitat von der Arte-Website zu Arnheim:

„Das Baukünstler-Duo Neutelings & Riedijk schuf für die Stadt Arnheim ein phantastisches Kulturzentrum mit Konzertsaal, Proberäumen, Bibliothek und einem coolen Restaurant. Bis spät abends lockt es die Bewohner an, gibt der Stadt ein neues Herz. Das Gebäude ist nur ein typisches Beispiel für das Büro der beiden in Rotterdam residierenden Baumeister. Sie haben sich darauf spezialisiert, skulpturale Bauwerke zu entwerfen, die sich den Bürgern auf eine neue, freundliche Art öffnen.“

Damit nicht genug: Die Kollegen vom nordrhein-westfälischen Bibliotheksblog berichteten kürzlich auch über das spannende neue niederländische Strategiepapier zur Zukunft der Bibliotheken mit dem Titel The Library of the Future : Hub for Contact, Knowledge and Culture. Daraus ein Kernsatz:

„Knowledge and information will be essential production resources in 2025. Not just the development of knowledge, but also its exchange, will be increasingly important for the economy and competitive position of the Netherlands. The core purpose of the library is to contribute to and form a foundation for the knowledge and information society. This consists of stimulating, supporting, facilitating and equipping people with what they need to be able to participate in and contribute to the modern knowledge society. The library also plays an important socio-cultural role.“

Lust auf mehr? Der 10. Deutsch-niederländische Bibliothekentag der Ems-Dollart-Region am 20. Oktober in Coevorden greift einzelne, aktuelle Themen der Fachdiskussion auf und ist offen für alle Interessierten.

Beitrag von Andreas Mittrowann

 

 

Diskussion um Bibliothekstantieme in der Schweiz

In einem sehr interessanten Beitrag für die “Neue Zürcher Zeitung” nimmt Hans Ulrich Locher, Geschäftsführer des Schweizer Bibliotheksverbandes SAB/CLP, zur Forderung der Schweizer Autoren nach einer Bibliothekstantieme Stellung. Dr. Locher betont, dass allein bereits über den Kauf von Büchern im Wert von 120 Millionen Franken durch die Schweizer Bibliotheken rund 12 Millionen Franken an Autorenhonoraren finanziert werden und führt weiter aus:

“Die Bibliotheken sind die grössten Förderer des Lesens und der Literatur; sie sind die geistigen Fitnesszentren unserer Gesellschaft. Sie werden jährlich von rund 20 Millionen Personen besucht und haben somit zehnmal mehr Publikum als die oberste nationale Fussballliga – publikumsmässig spielen sie in der Champions League”.

Der Kommentator weist ausdrücklich darauf hin, dass die geforderten Zahlungen letztlich die Budgets der Kantone belasten und damit zu einer Reduzierung der Bibliotheksetats führen werden – das dürfte eher nicht im Sinne der Autoren sein. Dr. Locher zeigt auch das von Amazon angestrebte Marktmodell auf und macht seine Einschätzung deutlich, dass vor dem Hintergrund dieses “digitalen Tsunamis” die Forderung nach einer Bibliothekstantieme “ins letzte Jahrtausend und nicht in die Gegenwart” gehört.

Link: http://www.nzz.ch/meinung/debatte/keine-lesesteuer-1.18272179

Beitrag von Andreas Mittrowann

 

IFLA-Impressionen 2014 (Teil 4 und Abschluss)

Am 19. August fand im Rahmen des IFLA-Kongresses in Lyon auch die Session „Green libraries promoting sustainable development — Environmental Sustainability and Libraries Special Interest Group“ statt. Den herausragenden ersten Vortrag lieferte der Architekt Jeffrey Scherer, dessen Firma MSR Architecture überregional bekannt wurde für die Umgestaltung bestehender Gebäude in faszinierende und oft in leuchtenden Farben gestaltete Bibliotheken, so u. a. ein Walmart-Gebäude in Texas. Ein Vortrag der australischen Kollegin Debra Burn aus Westaustralien von der Peppermint Grove Library zeigte, wie eine öffentliche Bibliothek mit viel Elan und Fantasie auf das Thema Nachhaltigkeit ausgerichtet werden kann und wurde ergänzt durch den ungewöhnlichen Beitrag von Jonas Söderholm, der die Ergebnisse einer Recherche zur demnächst erscheinenden Dissertation mit dem Thema „Werkzeugbibliotheken“ (Tool Lending Libraries) in den USA vorstellte. Die Session schloss Andreas Mittrowann aus der ekz mit seinem Vortrag „Green library suppliers – partners for Green libraries“ ab.

Der anschließende Festabend fand im Südwesten Lyons in einer alten Zuckerfabrik statt und bot vielfältige Gelegenheiten zum Schlemmen auf die französische Art, zum Austausch mit den Fachkollegen und – wer`s mochte – auch zum angeleiteten Tanzen mit Unterstützung einer musikalischen Geräuschkulisse im oberen Dezibelbereich.

Den diesjährigen Besuch und die Teilnahme am IFLA-Kongress in Lyon schloss die Session „Less is Less: Managing for a greater impact“ der Public Libraries Section ab. Hier wurde deutlich, dass die deutsche Problematik der stagnierenden oder schrumpfenden Medienetats in öffentlichen Bibliotheken eine weltweite Entwicklung widerspiegelt. Logische Konsequenz der Veranstalter: Wenn Bibliotheken heute über immer weniger Mittel verfügen, ist ein umso stärkeres und umfassendes Marketing erforderlich.

Ein besonders krasses Beispiel für den Niedergang von Bibliotheksetats in Verbindung mit der Wirtschaftskrise im Süden Europas schilderte Glòria Pérez-Salméron unter dem Titel „Libraries facing the crisis: Action“. Die Fakten sind ernüchternd: Die spanischen Bibliotheken mussten in den vergangenen Jahren einen Etatrückgang in Höhe von 36 Prozent hinnehmen, daraufhin sanken die Erwerbungen um 43,6 Prozent, vorrangig im Bereich der audiovisuellen Medien und damit die Bestandsvielfalt deutlich einschränkend. Die Zahl der Beschäftigten im Bibliotheksbereich sank um 20 Prozent. Recht typisch bei Wirtschaftskrisen nahm aber gleichzeitig die Zahl der Ausleihen und vor allen Dingen die Zahl der Besuche um 20,5 Prozent zu, die Nutzerbasis stieg von 8,2 auf 15,2 Millionen.

Vor diesem Hintergrund entstand die Zielsetzung, den wirtschaftlichen und konkret nachweisbaren sozialen Nutzen der Bibliotheken im Rahmen einer Studie zu belegen. Im Ergebnis entstand die „fesabid study the economic and social value of information services: libraries“, um die spanische Bibliothekscommunity mit einem entsprechenden Argumentationspaket zu versorgen. Fazit u. a.: Wäre das spanische Bibliothekswesen kommerziell orientiert, müsste ein Nutzer dafür pro Jahr 212 Euro zahlen und der Return of Investment beträgt 3,1 Millionen Euro pro Jahr. Pérez-Salméron schloss: „Libraries are becoming multipurpose spaces in which technology plays an increasing role. The economical crisis plus the copyright crisis plus the mission crisis of libraries is an important issue which has to be addressed. Don’t leave these important issues to anyone else!“.

Eine weitere Rednerin in dieser interessanten Session war Jan Richards, die über „the value of partners and advocates“ sprach (mehr Infos zu australischen öffentlichen Bibliotheken unter https://www.alia.org.au/node/184/public-libraries) und bereits sehr eloquent die IFLA-Satellite-Conference in Birmingham moderiert hatte. Außerdem dabei: Åke Nygren aus Schweden, der sehr zukunftsgerichtet das Thema „Connected society, connected learning, connected libraries, connect your library!“ adressierte und auf die interessanten weltweiten Hive Learning Communities hinwies (noch ist keine deutsche Bibliothek dabei, oder?) sowie die Projekte von Mozilla (der Stiftung, die den Webbrowser „Firefox“ anbietet) zur Web Literacy.

Gesamtfazit: Die IFLA-Teilnahme hat sich gelohnt und war gekennzeichnet vom Austausch mit den internationalen Kollegen, vielfältigen Begegnungen sowie einem fachlich recht interessanten Programm, in dem die öffentlichen Bibliotheken allerdings einen deutlich höheren Stellenwert hätten einnehmen dürfen. Auch die extreme zeitliche Dauer sollte von den Veranstaltern noch einmal kritisch beleuchtet werden. Ansonsten DANKE an alle Beteiligten und die französischen Kolleginnen und Kollegen für eine ergebnisreiche Konferenz!

Beitrag von Andreas Mittrowann

 

 

IFLA-Impressionen 2014 (Teil 3)

Die „President´s Session“ auf dem IFLA-Kongress Lyon fand am 19. August morgens ab 9:30 Uhr unter dem Motto „Participation in the digital environment“ statt. Die finnische IFLA-Präsidentin Sinikka Sipilä stellt in ihrer Einführung noch einmal nachdrücklich den Zusammenhang von Informationsfreiheit und gesellschaftlicher Mitgestaltungsmöglichkeit her und bat nachdrücklich alle Teilnehmer/innen darum, für eine möglichst breite Mitzeichnung der Lyon Declaration zu sorgen.

Auf Sipilä folgte im Abschnitt „Strong Libraries = Strong Societies: e-participation for strong information societies“ IFLA-Governingboard-Mitglied Maria Carme Torras Calvo mit ihrem Vortrag zum Thema „Literacy – Essential for participation“. Sie stellte u. a. zwei der Thesen des IFLA-Trendreports in den Mittelpunkt, nämlich „New technologies will both expand and limit who has access to information“ sowie „Online education will democratise and disrupt global learning“ und zählte praxisnah auf, was Bibliotheken tun können (Übersetzung durch den Autor): 

  • Biete freie, vertrauenswürde und unabhängige Informationsquellen an
  • Schütze die Daten Deiner Nutzer
  • Entwickle die Fähigkeiten Deiner Mitarbeiter
  • Leiste einen Beitrag zur Integration des Lernens in die allgemeine kulturelle Praxis
  • Konzentriere Dich auf das, was Deine Nutzer brauchen
  • Integriere Deine Dienstleistungen in das Curriculum und das informelle Lernen
  • Leiste einen Beitrag zur Verbreitung des Wissens zu entstehenden Technologien (als Beispiele wurden die neuen, körpernahen Werkzeuge wie Fitnessarmbänder und Lifelogger sowie neue Interfaces zur Steuerung von Geräten via Gehirnströmen genannt).

Torras Calvo wies abschließend darauf hin, wie wichtig es für Bibliothekare sei, sich bei der Festlegung der künftigen digitalen Agenda durch die Entscheider aktiv zu engagieren und Barrieren beim Zugang zur Bildung zu beseitigen, so zum Beispiel durch „Massive Open Online CoursesMOOCs, die generell bei der Lyoner Konferenz ein großes Trendthema darstellten. Auch der Hinweis auf die UNESCO-Publikation zu weltweiten Quellen der Informationskompetenz war wertvoll – insgesamt ein runder und informativer Vortrag. 

Sehr aufschlussreich war der folgende Auftritt von Catherine Lucet, Geschäftsführerin der Verlagsgruppe Nathan/Editis und somit Vertreterin des internationalen Verlegerverbandes IPA zum Thema „Local content publishing and participating“. Lucet nutzte die sich bietende Gelegenheit, die Lyon Declaration der IFLA hinsichtlich der fehlenden Nennung der Verlage öffentlich zu kritisieren, beschwichtigte aber gleichzeitig damit, dass die Verlage nah bei den Bibliotheken und bei der grundsätzlichen Ausrichtung der Deklaration seien. Als wesentliches Hindernis für den weltweiten, freien und gleichberechtigten Informationsaustausch nannte Lucet jedoch interessanterweise nicht Armut oder fehlende Bildungschancen, sondern die sogenannte „GAFA“-Gruppe (Google, Amazon, Facebook, Apple) und gab zu „We are all struggling to define this new framework and these new regulations“. Lucet erwähnte explizit auch Amazons neues Angebot „Kindle Unlimited“. Erneut wurde deutlich, welch unterschiedliche Bewertung die Aktualisierung des Urheberrechtes durch Verlage und Bibliotheken erfährt. Lucet dazu: „Exceptions to copyright should not be easy and shortsighted“. Positiv ragte hier ihre Bemerkung heraus, das insbesondere die Ausleihe digitaler Medien („eLending“) ein gutes Beispiel für notwendige und zukunftsgerichtete Experimente in diesem Bereich sei.

Im weiteren Verlauf ihres akzentuierten Beitrages ging Lucet auf die qualifizierte Erstellung und Verbreitung von Lehrbüchern in Entwicklungsländern ein und stelle insbesondere das Training der Lehrkräfte in den Fokus. Als besonders wirksames Werkzeug hierzu fanden auch an dieser Stelle erneut die „MOOCs“ eine Erwähnung. Lucet schloss unter anderem mit den folgenden Thesen:

  • Top down solutions do not work
  • An appropriate legal framework is an essential foundation
  • Fixed book prizes and ebook prizes are strongly recommended

Weitere Vortragende in der inhaltsreichen und fachlich gut aufgestellten Session waren Anriette Esterhuysen von der Association of Progressive Communications, Ernesto Hartikainen vom Finnish Innovation Fund, Andy Richardson von der International Parliamentary Union und Martine Reicherts, EU-Kommissarin für Justiz.

 

Beitrag von Andreas Mittrowann

 

IFLA-Impressionen 2014 (Teil 2)

Ein ganz besonderes Highlight auf der IFLA 2014 in Lyon stellte der Vortrag am 18. August von H.R.H. Prinzessin Laurentien der Niederlande dar. Zu ihren vielfältigen Aufgaben gehört der Vorsitz der niederländischen Reading and Writing Foundation. Die Prinzessin begann ihren Vortrag auf sehr wirkungsvolle Weise mit Fragen an das Publikum: Wer denkt, dass Bibliotheken bedroht sind? Wer denkt, dass dies nicht der Fall ist? Wer ist der Meinung, die Probleme resultierten aus dem Unverständnis der Politiker und wer fände, das der Wandel aus den Bibliotheken selbst heraus gestaltet werden müsse? Bemerkenswert: Ausgerechnet bei der letzten Frage hoben sich im Publikum die meisten Hände…. Die Prinzessin führte aus, dass Bibliotheken hervorragende Arbeit voller positiver Überraschungen leisteten, die Bibliothekare selbst jedoch viel zu sanft und zu schüchtern seien. Die positiven Beispiele und die Beiträge der Bibliotheken zum individuellen Bildungserfolg müssten deutlich stärker nach außen transportiert werden und manchmal sei ein einminütiges, überzeugendes und emotional ansprechendes Video in seiner Wirkung eben stärker als ein zehnseitiges Textdokument….

Die Prinzessin gab drei zentrale Empfehlungen:

  1. Stell’ Dich bei Deiner Überzeugungsarbeit in die Schuhe der Menschen, die Du überzeugen willst und sprich sie in „ihrer“ Sprache an.
  2. Gehe wachsam durch die Welt und erkenne die sich Dir bietenden Gelegenheiten. Wenn Du mitbekommst, dass Banken das Vertrauen ihrer Kunden zurückgewinnen wollen, dann nimmt den Kontakt mit ihnen auf und schau, was ihr gemeinsam bewirken könnt.
  3. Überrasche Dein Publikum: Tue ungewöhnliche Dinge, die man zunächst vielleicht nicht von Dir erwarten würde, um Aufmerksamkeit zu erhalten.

Als Beispiel nannte Prinzessin Laurentien hier die ungewöhnliche Modenschau einer polnischen Bibliothek, die im Internet auf breite Resonanz stieß.

Und natürlich sei die Partnerfrage für Bibliotheken zentral, um Erfolge verbuchen zu können: „Regarding the “How”: Step out and seek each others cooperation! Join hands with other societal trends, i.e. environmental issues. Bring in the outside world to the inside of the community!“.

Das Publikum dankte für einen inspirierenden Vortrag mit standing ovations.

Fortsetzung folgt…

Beitrag von Andreas Mittrowann

IFLA-Impressionen 2014 (Teil 1)

Vom 16. bis zum 22. August 2014 fand im französischen Lyon der Weltbibliothekskongress der International Federation of Library Associations and Institutions (IFLA) statt. Insgesamt hatten sich nach Angaben des Veranstalters 3900 Fachbesucher registriert, davon u. a. 1100 Franzosen, 400 US-Amerikaner und als drittstärkste Gruppe die Deutschen mit 180 Teilnehmern. Kongress und Messe fanden im modernen, großzügigen Veranstaltungszentrum „Cité International“ im Norden Lyons statt, das Ende der 1980er Jahre von Renzo Piano gestaltet worden war.

Einen schönen Auftakt bildete das Caucus-Meeting der deutschprachigen Teilnehmer/innen mit Gästen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Barbara Lison. Vorsitzende des deutschen IFLA-Nationalkommitees, führte versiert und mit heiterer Grundnote durch das Programm, das unter anderem mit Grußworten und Berichten von Fréderic Blin vom französischen IFLA-Nationalkommittee, Mag. Gerald Leitner von der IFLA Sektion MLAS und Dr. Hans-Ulrich Locher, Geschäftsführer des Verbandes Bibliothek Information Schweiz bestückt war. Besonders wichtig: Alle Teilnehmer und auch die deutsche Bibliothekscommunity sind aufgefordert, sich mit der Lyon Declaration on Access to Information and Development zu befassen und diese zu zeichnen bzw. geeignete Unterzeichner zu finden und zu kontaktieren! Den gut gelaunten Ausklang des Abends unterstützen einerseits das von der ekz-Gruppe gesponserte kleine Buffet sowie eine eigens von Dr. Locher aus der Schweiz importierte Schokoladenbibliothek. :-)

Die Eröffnungsveranstaltung im großen Amphietheater der Cité am Folgetag setzte einerseits den Akzent auf Lokalkolorit durch Originalfilme der in Lyon geborenen Brüder und Kino-Erfinder Lumière, andererseits auf Grußworte der französischen Spitzenpolitik. Im Programm sah das gut aus, in der Realität fanden sich die Gäste mit diversen im Vorfeld aufgezeichneten Videobotschaften konfrontiert sowie bereichert durch einen Vortrag des Philosophen Bernhard Stiegler, der den Fokus auf die Unterschiede des Lesens sowie der Medienrezeption in der physischen und der digitalen Welt legte und sich dabei unter anderem auf Kant, Horkheimer, Adorno („Dialektik der Aufklärung“) und Wolfgang Iser („Der Akt des Lesens“) bezog.

Sehr professionell und mitreißend gestaltete der weltweite Datendienstleister OCLC sein Industriesymposium im Rahmen des Kongresses unter dem Titel „Links and Entitites: OCLC and the Library Data Revolution“. Der neue CEO Skip Prichard zeigte souverän, wie man zweidimensionale Themen in den dreidimensionalen Raum transportieren kann. Er sprach zunächst über die Vorteile einer weltweiten Bibliotheksgemeinschaft wie OCLC und konzentrierte sich anschließend auf zentrale Zukunftsherausforderungen für Bibliotheken, unter anderem „Connected Living“, „Connected Education“ und natürlich „Connected Libraries“ sowie die Themen mobiles Lernen und E-Learning. Dabei erinnerte er auch an ein zentrales Ergebnis aus einer aktuellen Studie des Pew Reseach Center: 83 Prozent aller Online-Lerner in den USA sagten aus, dass die Bibliothek sie bei der Erreichung ihrer Lernziele erreicht habe.

OCLC-Kollege Ted Fons sprach anschließend über Daten-Entitäten (Wenn Sie eine Google-Suche mit dem Suchbegriff „Umberto Eco“ durchführen, stellt der „Ergebniskasten“ mit den zentralen biographischen Daten und dem Foto des Autors eine solche „Entität“ dar) und Anwendungsfälle für solche strukturierten Datenkonglomerate in der OCLC-Welt. Runde Tische und eine freundlich-professionelle Atmosphäre trugen zum Erfolg dieser Veranstaltung bei.

Fortsetzung folgt…

Beitrag von Andreas Mittrowann

Konferenzbericht: Public Library Futures in a global digital world

Am 12. und 13. August 2014 fand im britischen Birmingham die IFLA-Konferenz „Public Library Futures in a global digital world“ mit rund 150 Gästen statt. Organisiert von der Public Libraries Section des bibliothekarischen Weltverbandes IFLA sowie den britischen Vereinigungen CILIP sowie SCL, standen im Mittelpunkt der Veranstaltung die Fragen nach der zukünftigen Ausrichtung der öffentlichen Bibliotheken und der gegenwärtige Transformationsprozess. Star der Veranstaltung war allerdings die großartige neue Birmingham Public Library, in der die Konferenz auch stattfand. Einen Eindruck vom Gebäude vermittelt ein Film auf YouTube: https://www.youtube.com/watch?v=fZ50SgXYkUg

Der erste Tag stand unter dem Motto „Breaking down barriers between physical and digital“ und wurde von Brian Gambles, dem Direktor der Birminghamer Bibliothek, eröffnet. Sein Vortrag unter dem Motto „Future City, Future Library“, fokussierte zunächst auf die industriell geprägte Geschichte Birminghams und die Notwendigkeit von Kreativitätsförderung und Bildungsangeboten für eine sehr junge Einwohnerschaft. Was ist eine Bibliothek im 21. Jahrhundert? Diese Frage beantworte Gambles mit Stichworten wie „Wissenszentrum“, „Social Learning Hub“, „Kultureller Austausch“ und „Empowerment Centre“.

Das Vorgehen im digitalen Bereich basiert in Birmingham auf einer dreigeteilten Strategie: Physischen Angeboten wie Touchtables und Monitoren in der Bibliothek, digitalen Services wie E-Lending und Lösungen für die mobile Gesellschaft. Grundsätzlich gelte allerdings: „Nothing is more important than free WiFi and good Coffee“. Gambles und auch seine Mitarbeiterin während der Führung betonten: „It is not our library, it is theirs“, um die große Offenheit gegenüber den Kundenwünschen und eine bisher nur sehr zurückhaltende Reglementierung zu begründen. Es müsse allen Bibliothekaren sehr klar werden, dass Innovation eine Daueraufgabe und nicht etwa mit einer Neueröffnung beendet sei. Für die Mitarbeiter sei das eine besondere Herausforderung und keine Stellenbeschreibung sei unverändert geblieben.

Ein Beispiel aus Deutschland für das Verschmelzen von Informationen aus der physischen und digitalen Welt stellten Sarah Dudek und Vera Binz aus der Zentral- und Landesbibliothek Berlin vor. Der dort eingerichtete „Topic Room“ adressiert aktuelle Themen wie den 1. Weltkrieg oder die Bundestagswahl und setzt darüber hinaus eigene Akzente wie beispielsweise beim Thema Märchen, das sich als Publikumsrenner erwies. Die beiden Vortragenden machten sehr schön deutlich, dass Innovation auch in der kontinuierlichen Überarbeitung des Erarbeiteten besteht – so sieht der aktuelle Topic Room nach einer Renovierungsmaßnahme anders aus als die erste Version  und enthält eine neue Möblierung sowie anders gestaltete Bildschirme und digitale Präsentationen inklusive einer eigens entwickelten App.

Ein Highlight des Tages war ganz sicher auch der Vortrag von Corinne Hill, Direktorin der Chattanooga Public Library und „Librarian of the Year 2014“. Die noch vor einigen Jahren unter der vorherigen Leitung stark kritisierte Bibliothek ist ein hervorragendes Beispiel für positiven Wandel. Hill präsentierte unter dem neu formulierten Mission Statement „To be the community’s catalyst for life long learning“ ein Bündel von Maßnahmen, die von einer sehr gezielten Teamentwicklung („Collaborate, Create, Control, Compete“) über Projekte wie ein Fablab und eine „Sandbox“ bis hin zur gemeinschaftlichen Ausräumung eines Möbellagers im 4. Stock der Bibliothek reichen, in dem ein völlig neuer Bereich für Events und experimentelle Maßnahmen geschaffen wurde: http://chattlibrary.org/4th-floor. Prägende Begriffe sind Transformation,  Zugang durch die Kunden („Customer Access“), technologische Plattformen und „Responsive Collections“. Hill ging auch auf ein immer wiederkehrendes Thema ein, das bereits von Brian Gambles adressiert worden war: Wie können Mitarbeiter für Wandel und Veränderung gewonnen werden? Während Gambles sich auf die 20-60-20-Regel berief (20 Prozent der Mitarbeiter ziehen bei Veränderungen mit, 60 Prozent sind offen und 20 Prozent dagegen), plädierte Hill für einen konsequenten und unmissverständlichen Stil („Don’t get in my way“), auch wenn sie generell sehr für kooperative Führung sei. Als richtige erkannte Entscheidungen müssten auch durchgesetzt werden – konkret äußert sich das beispielsweise u.a. in der deutlichen Reduktion von Kosten für kaum genutzte Datenbanken. Der so gewonnene Etat wird dem Printbereich zugeführt. Bei Hill wurde deutlich, dass der Wandel insbesondere über eine klare Strategie und die Gewinnung neuer, hoch motivierter Mitarbeiter gesteuert wird, während in Birmingham eine Strategie der „small steps to change“ eingesetzt wird: Eine komplette Neugestaltung der Aufbau- und Ablauforganisation, ein „Customer Experience Pool“ sowie ein neues Corporate Design plus ein „Dress Code“ für alle Mitarbeiter sind einige der Elemente für den Wandel in Birmingham. Einen weiteren Höhepunkt des ersten Tages bildete der Vortrag von Laura Cole von der Bexar County Bibliotech Library, über die bereits an anderer Stelle berichtet wurde. Ein ähnlicher Vortrag findet sich hier.

Der zweite Konferenztag stand unter dem Motto „Libraries in the digital economy“ und wurde gleich zu Beginn durch einen hervorragenden Beitrag von Jens Thorhauge geprägt. Sein Vortragstitel „Transforming  public libraries in the knowledge society“ machte seine Überzeugung deutlich, dass ein völlig neues Modell notwendig sei, um die Bibliotheken für den schnellen Wandel fit zu machen. Im Zentrum seiner Präsentation stand daher folgerichtig das neue dänische Bibliotheksmodell mit den Schlagworten Innovation, Experience, Empowerment und Involvement, dass bereits an anderer Stelle ausführlich geschildert worden ist. Viele weitere Beispiele aus China, Spanien, Großbritannien, Australien und weiteren Nationen machten deutlich, dass der Wandel in Bibliotheken eine globale Aufgabe ist, die gemeinsam bewältigt werden kann.

Beitrag von Andreas Mittrowann